Gerd Heidemann : 26 Jahre Einsamkeit

Vor 26 Jahren entpuppten sich die Hitler-Tagebücher als Fälschung. Ihr vermeintlicher Entdecker, Gerd Heidemann, leidet bis heute unter seiner Niederlage. Dass er etwas falsch gemacht hat, glaubt er nicht.

Johannes Schneider

Als sein Leben im Frühling des Jahres 1983 zerbrach, war Gerd Heidemann gerade auf der Autobahn Richtung Frankfurt unterwegs. Im Radio hörte der „Stern“-Reporter die Nachricht, dass die Hitler-Tagebücher gefälscht seien. „Ich dachte sofort an Selbstmord: Wäre eine Brücke gekommen, ich wäre gegen die Pfeiler gefahren.“

Statt sich umzubringen, betrank er sich. Als er am Abend in Hamburg vor den „Stern“-Gründer Henri Nannen trat, hatte er drei Obstler, mehrere Whisky und ein großes Glas Cognac intus. „Ich hatte mindestens zwei Promille, aber gespürt habe ich nichts.“ Zu groß war der Schock über das, was passiert ist: Sein Coup, die Beschaffung der Tagebücher des Nazi-Führers, war ein Reinfall.

„Hitlers Tagebücher entdeckt“, so hatte der „Stern“ am 28. April 1983 getitelt. Heidemann hatte 62 Kladden voll mit den vermeintlichen Gedanken des Nationalsozialisten aufgetan – stolz ließ er sich mit seinem sagenhaften Fund fotografieren, die Hand zum „Victory“-Zeichen erhoben. Doch der Ruhm währte nur eine Woche, dann war alles vorbei.

Nannen, sagt Heidemann, habe ihn am Abend der bitteren Wahrheit mit folgenden Worten empfangen: „Entweder Sie sind verrückt oder Sie haben uns betrogen.“ Noch heute bestimmt Nannens Urteil das Leben des 78-Jährigen.

Seine Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Altona hat Heidemann zum Archiv umgebaut. In deckenhohen Blechregalen stehen 3500 Ringordner – nicht wenige von ihnen mit Papieren über die Hitler-Tagebücher gefüllt. Heidemann sieht sich als Bauernopfer. „Beim ,Stern’ haben sie mich gedrängt: Bring uns die Geschichte. Ich war ja gar nicht so scharf drauf. Doch als es schiefging, wurde ich vorgeschickt.“

Bis heute versucht er jeden Besucher davon zu überzeugen, dass er kein Betrüger sei. Dass er nichts von den neun Millionen Mark abgezweigt habe, die ihm der Verlag Gruner + Jahr zur Beschaffung der Tagebücher zahlte. Dass er an die Echtheit der Bücher geglaubt habe, bis zum Ende. Dass er einfach ein wenig zu naiv gewesen sei: Er, der Starrechercheur, der „Spürhund“ des „Stern“, habe sich schlichtweg geirrt.

Früher berichtete er regelmäßig aus Krisengebieten auf der ganzen Welt. Heute verbringt er seine Tage damit, neue Ordner für sein Archiv anzulegen. Jedes einzelne Blatt steckt er in eine Klarsichthülle. „Das ist meine Beschäftigungstherapie“, sagt er. „Denn Zeit habe ich seit der Hitler-Geschichte ja mehr als genug.“

Mit den Tagebüchern endete seine Karriere. Die Chefredaktion des „Stern“ trat zurück, Heidemann wurde gefeuert. 1985 wurde er wegen Betrugs zu mehrjähriger Haft verurteilt – das Gericht glaubte Heidemann nicht, dass er die Millionen vollständig an Kujau übergeben habe. „Seitdem rufen mich Zeitungen nur noch an, damit ich ihnen die Geschichte noch mal erzähle. Aber zahlen wollen die nie etwas dafür.“

Heidemann lebt von seiner Rente. 300 Euro bekommt er zusätzlich vom Sozialamt. Er sagt, er habe mehrere hunderttausend Euro Schulden. Heidemann ist preisgekrönter Fotograf, noch heute erscheinen manchmal alte Bilder von ihm. „Aber das Honorar wird automatisch zur Schuldentilgung verwendet“, sagt er. „Und wenn ich mal was übrig habe, dann kaufe ich mir neue Klarsichthüllen.“

Für Privates ist in seiner Wohnung kein Platz. In einer Ecke stehen ein schmales Bett und ein Nachttisch, sonst ist jeder Zentimeter für das Archiv reserviert. Es ist eng, weil überall Regale stehen. Heidemann führt durch das Labyrinth. Einmal fällt er gegen seinen Kopierer, als er sich zwischen zwei Regalen durchquetschen will. „Scheiße, der ist doch nur geleast.“

In einer großen Schublade bewahrt er die Mitschnitte der Telefongespräche auf, die er mit dem Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau geführt hat: 300 Tonbänder à 60 Minuten. Vor Gericht wurden sie als Beweismittel nicht zugelassen, da für das Mitschneiden keine richterliche Genehmigung vorlag.

Heidemann legt eines der letzten Bänder ein. In dem Gespräch berichtet er Kujau, dass die Zweifel an der Echtheit der Bücher wachsen. Es ist der 2. Mai 1983, drei Tage, bevor sein Leben auf der Autobahn in sich zusammenfällt. Kujau gibt sich bestürzt: „Meine Güte, meine Güte, um Gottes Willen“.

Gerd Heidemann steht neben dem Tonbandgerät. „Ein Reporter“, sagt er, „ist immer nur so gut wie seine letzte Geschichte.“

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