Gerd Ruge im Interview : „Wir wollten wissen, wie es den anderen geht“

Gerd Ruge ist ein Pionier der Auslandsreportage. Heute wird er 85. Ein Gespräch über die Reize der Ferne, Journalismus und das Nuscheln.

von und Thomas Eckert

Herr Ruge, wie geht’s Ihnen, sind Sie fidel und munter?

Ich kann nicht klagen.

Als junger Journalist haben Sie gelernt, dass man für diesen Beruf zwei Dinge braucht: Neugier und gesunde Füße. Was sagen Sie nach 70 Jahren Wanderschaft?

Eigentlich nichts anderes. Das ist und bleibt das Wichtigste für einen Journalisten. Man sollte immer versuchen, so nah wie möglich an die Dinge und Menschen heranzukommen.

Sie haben gesagt, Sie seien Journalist geworden, weil Sie reisen wollten. Das haben Sie geschafft, könnte man sagen. Was ist so schön an der großen, weiten Welt?

Es war nicht nur das Reisen. Als ich jung war, wussten wir doch gar nicht, wie die Welt draußen aussieht. Wir hatten zwar Informationen, aber ob man denen glauben konnte oder nicht, das wusste keiner.

Die heile Welt war jenseits von Deutschland, das in Trümmern lag.

Wir nahmen jedenfalls an, dass die Welt außerhalb Deutschlands einigermaßen heil geblieben wäre. Wir wollten wissen, wie es den anderen geht, wie sie leben, denken, handeln. Das war wichtig, denn wir hatten ja damit zu tun, uns aus den Resten des „Dritten Reiches“ herauszulösen und etwas Eigenes aufzubauen.

Wenn man Ihr journalistisches Leben betrachtet, könnte man auf die Idee kommen, die Welt sei Ihr wahres Zuhause gewesen.

Ich bin gelegentlich auch in Deutschland gewesen. Aber die Ferne hat eben ihre Reize. Man wird immer wieder überrascht, man muss sich immer wieder neu einstellen. Das schützt ein wenig davor, zu glauben, man wisse schon alles und müsse sich deshalb keine Gedanken mehr machen.

Bleibt den Korrespondenten von heute, unter Druck, wie sie nun einmal sind, überhaupt noch die Zeit, nachzudenken oder selbst etwas zu erleben?

Der Druck ist größer geworden, das stimmt. Aber ich sehe immer wieder Berichte im Fernsehen, die mich beeindrucken. Ich hatte das Glück, dass es in meiner Zeit zum Beispiel in der UdSSR noch kein Handy gab. Da konnten Sie nicht mitten in der Arbeit von der Redaktion angerufen werden. Es passierte, dass mich die Redaktion fragte, ob ich wisse, was in Leningrad los sei. Da ich in Moskau war, musste ich antworten, Nein, weiß ich nicht. Ich weiß, was einen Kilometer entfernt passiert ist, wo Panzer der Putschisten unter einer Brücke auf Demonstranten geschossen haben. Und das war’s dann für den Augenblick.

Sind wir heute besser informiert als vor 30 oder 40 Jahren?

Anders. Das Problem heute ist die Flut von Nachrichten, die täglich über uns hereinbricht. Wer die Zeit hat, zu recherchieren, der kann viel herausfinden, aber wer hat das noch? In dieser Flut treibt auch manche Meldung, die einfach nur falsch ist. Die aber herauszufischen, erscheint mir fast unmöglich.

Was will das Publikum? Weichgespülte, gefühlte Nachrichten oder harte Fakten?

Gefühle sind wichtig. Aber die Hauptsache bleiben harte Fakten. Und es geht natürlich darum, die Tatsachen in der richtigen Reihenfolge zu sortieren.

Uns scheint, als hätten Sie viel mehr Zeit gehabt als heutige Journalisten.

So viel Zeit hatten wir auch nicht. Wir mussten uns auch unsere Informationen beschaffen. Das dauerte manchmal ein bisschen länger, das will ich gerne zugeben, und wir mussten andere Wege gehen. Aber wenn Sie andeuten wollten, dass wir viel freie Zeit gehabt hätten, also einfach ein schönes Leben fern der Heimat, dann muss ich Sie enttäuschen.

Als Sie unterwegs waren, gab es für die Deutschen noch viele weiße Flecken auf der Weltkarte. Fühlten Sie sich nicht manchmal mehr als Forschungsreisender denn als Journalist?

Ich hatte nie die Absicht, Werke mit wissenschaftlichem Anspruch zu verfassen. Ich versuchte da, wo ich war, zu sehen und zu erkennen, was passierte. Das wollte ich beschreiben und bewerten. Ich wollte da sein, wo etwas passierte.

1973 sind Sie, der WDR-Mann, für Springers „Welt“ nach China gegangen. Wundern Sie sich noch heute über Ihren Wechsel?

Nö, ich habe mich ja auch damals nicht gewundert. Ich wollte nach China, das damals in den Wirren der Kulturrevolution steckte. Ich hatte darüber geschrieben, den Chinesen hatte das, was sie lasen, gefallen, und ich wurde eingeladen. Aber eben nicht als Fernseh- oder Hörfunkkorrespondent, sondern für eine Zeitung. Ich fragte Springer, Springer sagte Ja, so kam ich nach China.

Sie haben jede Menge Berühmtheiten getroffen. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Unterschiedliche Menschen zu unterschiedlichen Zeiten. Zum Beispiel Robert Kennedy, der Bruder von John F. Kennedy, der später auch erschossen wurde. Nach dem Tod seines Bruders wurde aus Robert Kennedy, der vor dem Attentat ein knallharter Innenpolitiker war, ein anderer Mensch. Ein Mensch mit starken Gefühlen, der eine ganz andere, menschlichere Politik machen wollte. Dieser Wandel hat mich tief beeindruckt.

Hat nie jemand zu Ihnen gesagt, Mann, Sie nuscheln ja wie ein Zahnkranker, was haben Sie beim Fernsehen verloren?

Doch, doch. Ich habe immer versucht, es ein bisschen zu korrigieren, aber nie zu viel. Leute, die immer ganz genau und präzise sprechen, sind mir meist auf die Nerven gegangen. Aber ich gebe gerne zu, dass manchmal ein bisschen weniger Nuscheln nicht geschadet hätte.

Gerade lief auf Phoenix Ihre Reportage „Rund um Moskau“. Was reizt Sie daran, sich immer wieder in den Dreck zu werfen?

So viel Dreck war’s doch gar nicht. Aber ich kann’s Ihnen sagen: Es ist Neugierde. Ich will wissen, wie die ganz normalen Leute sind und wie sie leben. Das hat den Vorteil, dass Vorurteile so schnell wegschmelzen wie Schnee in der Sonne.

Sie könnten zur Abwechslung auch mal in der Lüneburger Heide stehen.

Ich hab’s versucht. Aber das war viel schwieriger. Die Menschen haben mich gleich als den Ruge vom Fernsehen gekannt und sofort auf TV-Sprech umgestellt. In Russland dagegen kennt mich keiner. Da reden die Leute völlig unverstellt. Ich bin lieber in Ländern, wo mich keiner kennt.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

– Gerd Ruge:

Unterwegs.

Politische Erinnerungen. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München, Berlin 2013.

328 Seiten, mit Abbildungen. 21,90 €

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben