Geringe Geburtenrate in Deutschland : "Bild"-Kolumnist Wagner gibt Müttern die Schuld

Der alte Mann und der Smoothie: "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner erklärt die geringe Geburtenrate in Deutschland. Sachkunde, Bildung und Ernsthaftigkeit lässt er wie immer vermissen.

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1 und 1 sind 3. Wenn Franz Josef Wagner kolumniert, wackelt jede Logik.
1 und 1 sind 3. Wenn Franz Josef Wagner kolumniert, wackelt jede Logik.Foto: picture-alliance/dpa/Rainer Jensen

Der zweite Blick geht zum Datum. Doch es ist der 23. Juli 2015, an dem dieser Text in der "Bild"-Zeitung erschienen ist. Die "Post von Wagner", wie sie von Montag bis Samstag in der "Bild"-Zeitung erscheint.

Der Blick zum Datum ist ein verständlicher Reflex, weil Franz Josef Wagners Einlassungen zu Familienpolitik und Geburtenrate auch 1865, 1932 oder 1953 hätte erscheinen können. Hätte immer gepasst, so sehr fällt der Text aus der Zeit. Wagner stellt das Missverhältnis zwischen Geburten- und Sterberate fest, weshalb "wir mehr Tote als Babys haben".

Das schreit nach Erklärung. Nicht für Wagner, er stellt lieber die Schuldfrage und beantwortet sie sogleich: "Schuld ist der Zeitgeist" - aber nicht irgendeiner, sondern in Gestalt der Mütter.

Ein Auszug aus Wagners Suada: "Mütter machen Karriere, Mütter haben Hosenanzüge an (Ursula von der Leyen), Mütter geben ihre Kinder in Kitas ab, Mütter verdienen mehr als ihre Männer, Väter gehen in Teilzeit." Zwischenfrage von Wagner: "Was ist aus unseren Müttern geworden?" Antwort Wagner: "Sie sind Business-Frauen, Power-Frauen, ... sie sind keine Mütter mehr. Sie sind wie Männer. ... Sie singen ihr Kind nicht mehr in den Schlaf."

Nun muss die "Post von Wagner" schon eine bestimmte Zeilenzahl haben, also holt er nochmals Luft und atmet diese Erklärungen aus: Mütter "trinken Smoothies, sie laufen sich im Fitnesscenter ihr Fett ab, sie sind Chefredakteure." Da hat er - bloße Annahme - an Marion Horn, Chefredakteurin der "Bild am Sonntag", gedacht.

FJ Wagner ist Gaga-Kolumnist

Franz Josef Wagner ist nicht als Analytiker, gar als Dialektiker bekannt geworden. So etwa wie eine Hierarchie der Argumente ist ihm völlig wurscht. Er schreibt auf, was in Wagner drinsteckt. Sachkunde, Wissen, Bildung, Ernsthaftigkeit - so etwas verachtet er. Wagner hat den Gaga-Kolumnismus erfunden.

Wagners jüngste "Post" ist eine fette Pöbelei. Pöbelei deswegen, weil aus irgendwelchen Beobachtungen so etwas wie Autorität abgeleitet. Eine Mutter, die einen Smoothie trinkt, ist eine schlechte Mutter? Ist FJ Wagner noch von dieser oder irgendeiner Welt?

Wird ihm gerade egal sein, Franz Josef Wagner wäre nicht Franz Josef Wagner, wenn der 71-Jährige nicht mächtig aufregen wollte. Wahrscheinlich freut er sich über jede Zeile, jedes Widerwort, die ihren Ärger über "FJW" ausdrücken. Lesen - Ignorieren - Wegschmeißen? Fällt sehr, sehr schwer. Wagner hat Eva Hermann als "dumme Kuh" bezeichnet und Gabriele Pauli als "durchgeknallte Frau". Jetzt hat er gleich alle Frauen/Mütter beleidigt.

Die "Bild"-Zeitung hat vom zweiten Quartal 2014 zum zweiten Quartal 2015 fast 220.000 Exemplare an verkaufter Auflage verloren. Dafür gibt es ein Bündel an Gründen. Franz Josef Wagner aber würde schreiben: "Schuld ist der Zeitgeist. Mütter trinken Smoothies."

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