Germany’s Next Topmodel : Klum macht sie alle

Sara Nuru gewinnt die vierte Staffel der Pro7-Castingshow "Germany’s Next Topmodel".

Sonja Pohlmann
Topmodel
Sara Nuru (r) ist Germanys Next Topmodel. Den zweiten Platz belegt Mandy Bork (l). -Foto: dpa

Am Ende ist er wieder wahr geworden, der ewige Traum, dass aus einem schüchternen Entlein plötzlich ein schöner Schwan werden kann: Sara Nuru, die anfangs noch mit leichtem Bauchansatz und Tuch um die nicht Modelmaß entsprechenden Hüften auf den Laufsteg trat, ist „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM). Am Donnerstagabend wurde die 19-Jährige im großen Live-Finale der Pro7-Castingshow zur Gewinnerin gekührt und verwies ihre Konkurrentinnen Mandy Bork (18) und Marie Nasemann (20) auf die Plätze zwei und drei.

„Model-Mutti“ und „Drill-Instructor“ Heidi Klum beweist mit dieser Wahl erneut, wie gut sie das Fernsehgeschäft versteht. Über 15 Folgen hinweg hat sie ein modernes Märchen inszeniert, gebannt schauten ihr dabei Millionen zu.

Lange hatte die brünette Marie Nasemann als Favoritin gegolten. Sie bleckte ihre Zähne so schön, wie es sonst nur Klum kann, Wenn sie ausnahmsweise nicht die „Challenge“ und den dazugehörigen Werbevertrag gewann, war sie den Tränen nah – eine Streberin, schön, aber schrecklich langweilig. Gegen Marie Nasemann sprach aber ein noch triftigerer Grund: Schon vor der Sendung war sie als Model erfolgreich, angeblich gemanagt von der Klum-Tante. Nur schwer hätte die „GNTM“-Chefin sie deshalb als ihr „Mädchen“ verkaufen können, das erst durch sie zum vermeintlichen Topmodel geworden ist. Die dunkelhäutige Sara Nuru hingegen entsprach perfekt der Kandidatin, die Klum am Ende durch ihre Zauberkünste als Prinzessin dastehen lassen konnte. Zunächst kaum auffällig, rückte Sara Nuru immer mehr ins Laufsteglicht, gewann Werbeverträge und am Ende sagte sogar Jurymitglied „Rolfe“ Scheider zu ihr „Isch liebe disch“, während Klum daneben zufrieden grinste.

Wie keine Zweite versteht es Klum, von zwölfjährigen Schülerinnen bis hin zu Intellektuellen wie Roger Willemsen („Exzess der Nichtigkeit“) oder Alice Schwarzer („menschenverachtend“) die Menschen durch alle Alters- und Schichten hindurch zu beschäftigen. Heidis Secret: Sie eint die Gesellschaft, indem sie sie spaltet. Die einen lieben sie, die anderen hassen sie – aber eine Meinung zu ihr hat (fast) jeder. Über Saras Ausstrahlung, Maries Langweiligkeit, Mandys Gang oder Klums Dauerlächeln lässt sich herrlich und herzlich lästern, ohne persönlich eine Niederlage fürchten zu müssen. Beruhigend, gerade in Zeiten der Krise.

Tatsächlich steigerte „Germany’s Next Topmodel“ mit dieser vierten Staffel noch einmal seinen Erfolg: Schalteten 2008 noch durchschnittlich 3,67 Millionen Zuschauer, waren es jetzt bis zum Finale am Donnerstag 3,76 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von 12,9 Prozent entspricht – und das, obwohl diese Staffel keinen Tick spannender war als die Vorgänger. Im Gegenteil, es gab noch mehr Product Placement, noch mehr inszenierten Zickenkrieg, noch mehr künstlich aufgeladene Spannungsminuten in der Entscheidungsrunde mit stundenlangem 30-Sekunden-Schweigen der Domina.

Gleich zu Beginn vergaß Klum nicht, den moralisch lackierte Zeigefinger zu erheben. Um Jugendschützer zu beruhigen, mussten dieses Mal allerdings nicht magersüchtige Mädchen öffentlichkeitswirksam gehen, Stattdessen wurden Kandidatinnen mit Silikon-Busen aussortiert, kein Wunder, verweist Klum doch auch gerne auf ihre naturwüchsigen Brüste, die sie „Hans und Franz“ nennt.

Doch zu gut durfte es den „Mädchen“ bei der Gouvernante auch nicht gehen – kein Gekeife, keine Quote. Also stachelte erst „Germany’s Next Superzicke“ Tessa Bergmeier mit ihrer „Eine gegen Alle“-Performance die Stimmung auf, danach wurde die Österreicherin Larissa Marolt Opfer des „Alle gegen Eine“-Mobbings, was selbst die sonst immer strahlende Sarina Nowak in Tränen ausbrechen ließ. Im großen „Heidi-Klum-Märchenwald“ wurden große Gefühle gegen die große Leere gesetzt, die sich in dieser Staffel auszubreiten drohte. Hatte „Catwalk-Coach“ Bruce Darnell den Kandidatinnen in den ersten Staffeln noch unterhaltsam beigebracht, dass die „Handetasche lebendisch“ sein muss und die Bewerberinnen selbst „sexy, sexy, sexy“, schienen dieses Mal allein die Werbekunden das Sagen zu haben. Von Folge zu Folge pickten sie eine Kandidatin raus, die stets außer sich vor Freude geriet – egal, ob sie für Brillen, Computer, Schokolade, Fast Food, Mode oder Mobiltelefone ihr Gesicht hinhalten sollten. Geschickter lassen sich Produkte nicht in der Zielgruppe platzieren. Trotzdem schalteten Millionen Zuschauer ein, fasziniert vom Leistungswettbewerb, den Klum erneut zu inszenieren wusste. Mit den Kandidatinnen mitzufiebern, ihnen beim Siegen oder Verlieren in diesem vermeintlichen Wettbewerb zuzusehen, ist das, was die Zuschauer nach Castingsshows wie dieser süchtig macht.

Sara Nuru erfüllte am Ende am besten das Versprechen der Show, aus einem normalen Mädchen ein „Topmodel“ machen zu können. Dass aus ihr tatsächlich ein international erfolgreiches „Laufwunder“ wird, ist dagegen unwahrscheinlich – aber sind Märchen wie diese nicht zu schön, um gleich unwahr zu sein?

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