Geschenktipps : Die Romane des 21. Jahrhunderts

Seifenopern, Sittengemälde, Kindheitserinnerungen – Fernsehserien auf DVD bieten Unterhaltung nach Maß.

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Wenn schon cool, dann so: In der Werbeagentur „Sterling Cooper“ geht ohne dieses Quintett nichts (v.l.n.r.): Peter Campbell (Vincent Kartheiser), Joan Harris (Christina Hendricks), Roger Sterling (John Slattery), Margaret Olson (Elisabeth Moss) und Donald Draper (Jon Hamm) aus der Serie „Mad Men“. Foto: Univesal Pictures/AMC
Wenn schon cool, dann so: In der Werbeagentur „Sterling Cooper“ geht ohne dieses Quintett nichts (v.l.n.r.): Peter Campbell...

Fernsehen wird erst durch Serien schön. Allerdings kann nicht jede Folge der Lieblingsdroge beim Ausstrahlungstermin genossen werden, irgendetwas kommt immer dazwischen. Als Erlösung von solcher Pein gibt es die Fernsehserie auf Kauf-DVD. Wir stellen heute zunächst drei solcher Glücksbringer vor. Weitere Empfehlungen am kommenden Montag.

„Mad Men“

Wie soll man jemandem, der nie eine Folge „Mad Men“ gesehen hat, davon vorschwärmen? Es gibt keine Action, keine Kriminalität, keine Cliffhanger. Die seit 2007 laufende Serie ist eine Beschreibung von Ort, Zeit und Personen. Es geht um die aufstrebende Werbeagentur „Sterling Cooper“ an der Madison Avenue Anfang der 60er Jahre in New York City. Donald „Don“ Draper, dargestellt vom Prachtburschen Jon Hamm, ist Kopf, ja Anführer des Kreativteams. Wenn er, natürlich bei einem Martini, zu einer Kundin sagt, „Das, was Sie Liebe nennen, wurde von Leuten wie mir erfunden, um Nylonstrümpfe zu verkaufen“, dann ist der Rahmen gesetzt. Cool muss der Mann im Werber sein, jede Geste muss sitzen, die Haltung stimmen, der Morgen fängt mit Hochprozentigem und Zigarette an und endet genauso am Abend. Die Frauen sind Hausfrauen, Sekretärinnen mit Sanduhrfigur, sie sind Schmuck oder Spielzeug und, ganz selten, selbstbewusst bis zur Selbstständigkeit. Ihre Zeit wird erst noch kommen. Aber Dialoge, die wie Waffen eingesetzt werden, beherrschen sie schon.

Die „Mad Men“-Welt von Autor Matthew Weiner besteht aus Business, Bar und Bett. Verkaufen ist eine Kunst, das eigene Leben wird zur Marke und zu Markte getragen. Die Kerle strotzen vor Testosteron, sie haben einen Weltkrieg gewonnen, zugleich haben sie schon eine Ahnung tief hinten im Hinterkopf, dass der unbändige Optimismus, der unverbrüchliche Fortschrittsglaube, der Sexismus mit den 68ern, Vietnam, Drogen und Feminismus ins Wanken geraten wird.

Don Draper, verheiratet mit einer „Grace Kelly“ und Vater zweier Katalogkinder, ist Protagonist dafür. Ihn wird nicht nur die eigene dunkle Vergangenheit, die er lässig – ist er nicht Werber? – in eine Weltkriegsheldenerzählung umgetextet hat, sondern auch die Zukunft einholen. Draper ist der wichtigste und doch nur einer von diesen aufregenden Charakteren und Figuren im sorgfältig besetzten „Mad Men“-Kosmos. Er steht für die Generallinie, um die herum sich von Folge zu Folge und jederzeit weitere Biografien entwickeln und fortentwickeln.

Die Serie des US-Kabelsenders AMC erzählt von Menschen in einer Zeit, einer Ära, und sie wird aus der Zeit heraus erzählt. Sittengemälde nennt man das; möglich und faszinierend, weil von der ersten Einstellung an das Dekor überwältigt. Was am Mobiliar ist nicht stilreine Sixties, die Männer tragen taillierte Anzüge mit messerscharfen Bügelfalten, Trenchcoats, Loafers, die Frauen zeigen hautenge Kleider, Petticoats, Tulpenröcke, Cardigans mit Leopardenprints. Was für eine Ausstattung, welch ein Sinn für Stil und Sinnlichkeit.

„Mad Men“ ist Menschen-Fernsehen. Und vielleicht auch nur die eleganteste Seifenoper im Medium.

„Mad Men“. Staffel I (gesehen für 12,33 Euro) bis Staffel IV (27,29 Euro).

„The Wire“

Fernsehserien sind, so heißt es, die Romane des 21. Jahrhunderts. Wer sich für das Paris des 19. Jahrhunderts interessiert, muss die Bücher von Balzac oder Zola lesen. Wer etwas über die Welt, in der wir leben, erfahren möchte, über Kriminalität und Ohnmacht, den Niedergang der Arbeiterkultur und der Innenstädte in den USA, sollte „The Wire“ sehen. Die Serie spielt in Baltimore, der einst stolzen, heute kaputten Schwesterstadt von Washington. Der Sender HBO hat bis 2008 60 Episoden in fünf Staffeln produziert. Erzählt wird vom Kampf einer Polizeisondereinheit gegen einen Drogenring, der die Westside der Stadt und dort insbesondere die „Projects“, ein zum Ghetto gewordenes Wohnbauprojekt, beherrscht. Es ist ein Krieg, bei dem es um Informationen geht, um mitgeschnittene Telefonate – daher der Titel „The Wire“ –, richterliche Beschlüsse, die das Verwanzen von Wohnungen erlauben, um Fotos und Decknamen, um das Chiffrieren und Dechiffrieren von Nachrichten. In der ersten Staffel richtet sich die von den Polizeichefs nur widerwillig ins Leben gerufene Sondereinheit in einem Keller ein, in der zweiten haust sie in einem Holzhaus am Hafen, wo korrupte Gewerkschafter gemeinsame Sache mit den Dealern machen und Leichen von osteuropäischen Zwangsprostituierten angeschwemmt werden.

Erfunden hat das alles ein ehemaliger Polizeireporter, David Simon, der das Morddezernat von Baltimore monatelang bei der Arbeit begleitet hat. Es gibt keine Grenzen zwischen Gut und Böse in diesen Filmen, aber trotzdem einige Figuren, die dem Zuschauer ans Herz wachsen: der obsessive, querulantische Ermittler Jimmy McNulty, ein Quartalssäufer, der seiner Exfrau hinterhertrauert, oder der Nachwuchsdealer D’Angelo Barksdale, ein schwarzes Straßenkid, das aus dem Syndikat seines Onkels aussteigt. Am besten gekleidet ist der Killer Brother Mouzone. Er trägt Fliege, Hornbrille und Anzüge im Stil der Sixties und fliegt aus New York ein, wenn es aufzuräumen gilt. Ärger sollte man mit ihm nicht haben. Christian Schröder

„The Wire“, Staffel I bis Staffel V (gesehen für 89,80 Euro).

„Catweazle“

Der Wahnsinn hatte im Fernsehen früh Methode. Eine besonders skurrile Serienfigur war Festus Haggen aus der amerikanischen Wildwestserie „Rauchende Colts“. Der aber wohl verschrobenste Titelheld der – zumindest in Deutschland – rein öffentlich-rechtlichen Fernsehwelt der 70er Jahre war Catweazle aus der gleichnamigen Serie mit Geoffrey Bayldon. Der angelsächsische Zauberer war durch einen missglückten Zauberspruch aus dem Mittelalter direkt in das ländliche England des zwanzigsten Jahrhunderts katapultiert worden. So wurde er zum wohl dreckigsten Serienhelden des europäischen Fernsehens, auf jeden Fall zum schrägsten Zauberer der Vor-Harry-Potter-Ära.

Sein Elektriktrick, mit dem er das Mysterium des elektrischen Stroms ergründen wollte, war seinerzeit genauso bekannt wie die Zauberformel Salmy, Dalmy, Adomy. Die Segnungen der Technik von der Glühbirne bis zum Traktor waren für ihn pure Magie, ein alter Wasserspeicher wurde zur Trutzburg Saburac. Auf dünnen Beinchen, die aus einer zerschlissenen Zaubererkutte ragten, rannte er wie ein verrücktes Huhn durch englische Wälder oder versuchte, mit merkwürdigen Gesten und Geräuschen böse Geister oder eingebildete Normannen zu vertreiben. Auf zwei Verbündete konnte er sich immer verlassen, seine Kröte Kühlwalda und Harold, den Jungen von der Hexenhoffarm.

Die von Richard Carpenter erdachte Serie war fürs Kinderprogramm produziert worden, sie zog aber gleichwohl auch Erwachsene in ihren Bann. In England startete Catweazle 1970 im Privatfernsehen – für die Werbung wurden die nicht einmal 30 Minuten langen Folgen in der Mitte geteilt. Nach Deutschland kam die Serie 1974 zum ZDF, wo sie mindestens ebenso erfolgreich war.

Die Serie mit den beiden Staffeln umfasst insgesamt 26 Folgen. Das umfangreiche Booklet gibt zusätzlich zu den Beschreibungen der Folgen einen erhellenden Blick hinter die Kulissen der Serie. Zum Bonusmaterial gehört zudem eine leider sehr kurze Dokumentation von 1998 mit Catweazle-Erfinder Carpenter, Hauptdarsteller Bayldon und Robin Davies, der den Farmersohn spielte. Heute, 37 Jahre nach der Erstausstrahlung im deutschen TV, könnte man meinen, der kauzige Hexenmeister sei gleich doppelt aus der Zeit gefallen. Tatsächlich ist Catweazle zeitlos. Kurt Sagatz

„Catweazle – die komplette Serie“ (gesehen für 27,99 Euro)

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