Medien : Geschichte, Gefühle, Gesellschaft

Grimme Preise für öffentlich-rechtliches Fernsehen und Sat 1

Joachim Huber

Gefühlsfernsehen und Intellektuellen-TV – wer darin einen unauflösbaren Widerspruch sieht, der kennt den Adolf Grimme Preis nicht. Der mitreißende Zweiteiler „Das Wunder von Legende“, von Sat 1 produziert und mit außerordentlichem Erfolg in der Prime Time gezeigt, bekommt den respektierten Fernsehpreis ebenso wie Lutz Hachmeister für Buch und Regie seiner ARD-Dokumentation „Schleyer. Eine deutsche Geschichte“. Der Preis für Hachmeister ist gar vergoldet. Geschichte hat im Fernsehen, nicht anders als im Kino, Konjunktur; ist sie zudem deutsch („Good Bye, Lenin“, „Luther“) oder bundesrepublikanisch thematisiert (Lengede, Schleyer), sind Publikumsinteresse und das Kritikerlob nicht fern.

Der 40. Adolf Grimme Preis resümiert das Fernsehjahr 2003 in seinen Spitzenleistungen. Die Auszeichnung für „Lengede“ ist ein Ausweis der ehrgeizigen Sat-1-Politik beim Fernsehfilm, den der frühere Senderchef Martin Hoffmann wie kaum ein anderes Programm gefördert hat. Der zweite Grimme Preis für „Dienstreise – Was für eine Nacht“, von der Jury für „umwerfend komödiantisch-absurde Irritationen“ belobigt, ist deswegen kein Zufall. Ob der neue Sat-1-Chef Roger Schawinski dieses Genre mit gleichem Ehrgeiz pflegen wird?

Neben dem Privatsender Sat 1 dominiert die ARD den Preiskanon in der Sektion „Fiktion & Unterhaltung“. „Familienkreise“, Stefan Krohmers virtuos und feinfühlig erzählte Parabel mit Götz George über den Zerfall der gehobenen Mittelschicht, reüssiert mit Grimme in Gold. Hartmut Schoen (Buch und Regie) glänzt mit „Zuckerbrot“, Kai Wessels „Leben wäre schön“, ebenfalls ARD, zeigt eine an Brustkrebs erkrankte Frau. Diese Frau wird von Dagmar Manzel gespielt, und wie sie diese Frau spielt, das zeigt Todesangst, Beklemmung und Befreiung.

Das Erzählfernsehen des ZDF, wie es Fernsehspielchef Hans Janke seit Jahren profiliert, dieses Fernsehen war den Grimme-Juroren nicht preiswürdig. Das wird in Mainz schmerzen, unüberhörbar ist das Grummeln über die „merkwürdige Preispolitik“. Und wie zur Ironie wird die einzig prämierte Unterhaltungssendung im 40. Grimme-Wettbewerb, die „WIB-Schaukel“ des Wigald Boning im zweiten Programm, vom zweiten Programm nicht fortgesetzt. Boning hat (umsonst?) als „leuchtender, erleuchteter Narr“ überzeugt.

Auch beim Musiksender Viva wurde Grimme fündig und lobte Charlotte Grace Roche für Moderation und Präsentation der Musik-Clip-Gesprächs-Sendung „Fast Forward“. Wie weit das „Grimme- Auge“ blickt, zeigen die Preise für Außenseiterisches, siehe „Bernd das Brot“ (Kika), für das Lebenswerk des Kabarettisten Dieter Hildebrandt und an Werner Reuß, der mit BR alpha ein vorbildliches Bildungsfernsehen aufgebaut habe. Und wie sehr auch der 40. Grimme Preis in der Tradition des Wettbewerbs steht, das belegen die Entscheidungen beim informativen, politischen, dokumentarischen Fernsehen: Hier regiert Öffentlich-Rechtlich, hier kommt Balsam auf die ZDF-Wunde. Autor und Regisseur Andreas Pichler ist mit „Call me Babylon“ ein ZDF-Preisträger unter anderen.

Alle Preisträger unter

www.grimme-institut.de

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