Medien : „Geschichte ist eine kalte Materie“

Maurice Philip Remy, Autor des Dreiteilers „Mythos Rommel“, über seine Art zu arbeiten

Antje Schmitz

Jede Antwort gebiert neue Fragen. Maurice Philip Remys Weg führte von der Suche nach dem Bernsteinzimmer und der Beschäftigung mit den Päpsten bis zu dem Wunsch, Feldmarschall Erwin Rommel zu verstehen. Die Antwort auf seine jüngsten Fragen, die Dokumentation „Mythos Rommel“, läuft zurzeit in der ARD. Um 21 Uhr 45 wird die dritte und letzte Folge gezeigt: „Der Verschwörer“.

Der 39-jährige Regisseur, Autor und Produzent Remy ist keineswegs ein Papierfresser, einer, der sich durch Bücher und Akten gräbt und sich keinen schöneren Ort denken kann als eine gut geheizte Bibliothek. Er dreht nicht nur zeitgeschichtliche Dokumentationen, sondern hat auch Unterhaltungssendungen wie „Vorsicht Kamera“ oder „Verstehen Sie Spaß?“ geschrieben und produziert.

Mit seiner Firma, MPR Film und Fernseh Produktion, sitzt er in einem Jugendstilhaus nahe des Münchner Prinzregentenplatzes. Grauer Anzug, Krawatte, Einstecktuch. Der Kaffee wird in bunte Steinguttassen eingeschenkt, in den Regalen und auf dem Boden stapeln sich Aktenordner; in Remys’ Firma herrscht eine gleichermaßen geschäftige wie studentische Atmosphäre. Der Schreibtisch quillt über vor Papier, der Aschenbecher steht in Griffweite, daneben die Zigarilloschachtel. An der Wand zieht sich ein Bücherregal entlang. Er arbeite 18 Stunden täglich, manchmal mehr, sagt Remy; „ich übertreib’ ein bissel“. Für ein Prozent höhere Qualität investiere er zwanzig Prozent mehr Arbeit, sagt er, und dass er Unterhaltungssendungen mit dem gleichen Qualitätsanspruch wie Dokumentationen produziere.

Maurice Philip Remy, dessen Name von lothringischen Vorfahren stammt, ist ein Quereinsteiger. Der studierte Kommunikationswissenschaftler entdeckte seine Liebe zur Zeitgeschichte, als ihn eine Tante für die Suche nach geraubten Kunstschätzen begeisterte. Er schrieb für das „Zeit-Magazin“, arbeitete als Kabelträger und Aufnahmeleiter, produzierte eine Sendung zum 150. Geburtstag des Deutschen Roten Kreuzes und gründete 1990 seine eigene Firma, die derzeit 15 fest angestellte und mehrere Dutzend freie Mitarbeiter hat. „Ich bin Autodidakt“, sagt Remy, „hab viel selbst gemacht, viele Fehler und daraus gelernt. Das Studium hat mir am allerwenigsten geholfen.“

Zwei Jahre haben er und sein Team sich mit Erwin Rommel beschäftigt, dem Wehrmachtsgeneral, der zum Gegner der Hitlerschen Politik wurde und sich das Leben nehmen musste. Sie haben Zeitzeugen gefragt, „Wochenschau“-Material gesichtet, Akten gewälzt. Er wollte den Mythos entzaubern, sagt Remy. Der Feldmarschall galt als Vorbild an soldatischer Haltung, doch die Genialität des Wüstenfuchses – „alles NS-Propaganda“.

Remy hatte sich nach der Arbeit an der sechsteiligen ZDF-Dokumentation „Holocaust“ gefragt, warum Teile der Wehrmacht nach dem Überfall auf die Sowjetunion die Ermordung der Juden unterstützten, während die deutschen Soldaten in Nordafrika kämpften, ohne Verbrechen an Zivilisten zu begehen. Dann stieg das Interesse an dem Menschen Erwin Rommel, dem Schwaben, der von den preußischen Militärs nie akzeptiert wurde, Hitler verbunden blieb und doch die Attentäter des 20. Juli 1944 nicht verriet.

Remy verwendet die drei üblichen Bausteine einer Dokumentation: Originalfilmmaterial, neu gedrehte Bilder von Schauplätzen wie der Wolfsschanze oder Rommels Haus in Herrlingen und Zeitzeugeninterviews. „Geschichte ist eine kalte Materie“, sagt er. „Unsere Zeitzeugen bringen die Wärme, Emotionen, Wut, Trauer, Erleichterung.“ Zwei bis drei Stunden dauert ein Gespräch, für „Mythos Rommel“ wurden 150 Menschen interviewt. Die gesendeten Zitate dauern dann oft nur wenige Sekunden. Der Aufwand, den Remy betreibt, unterscheidet ihn von Guido Knopp, dessen ZDF-Zeitgeschichtsfabrik einen Hitler-Film nach dem anderen auswirft.

„Film ist gnadenlose Vereinfachung“, sagt Maurice Philip Remy. Doch das Fundament, auf dem er vereinfache, sei felsenfest. Remy folgt zwei Grundsätzen: „Du sollst nicht lügen“ und „Du sollst nicht langweilen“. Der Autor und Produzent möchte seinem Publikum das Zuschauen einfach machen. Den Rommel-Film unterlegt er mit Klängen – bei Szenen aus dem Afrikafeldzug pfeift der Wind, beim Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, erklingen Detonationsgeräusche. Er inszeniert sein Material. „Es gibt kein Lehrbuch für Dokumentarfilme“, sagt er, verweist aber auf die Filme der BBC, die inhaltlich perfekt und formal modern seien. Stolz erwähnt er, dass die BBC seinen Rommel-Film ausstrahlen werde.

Mit den meisten Zeitzeugen spricht Remy persönlich. Er zeigt sich beeindruckt von der Milde und moralischen Integrität von Erwin Rommels Sohn Manfred, der mit seiner Entscheidung, den toten RAF-Terroristen ein Grab in Stuttgart zu gewähren, gegen den Strom schwamm. Etwas davon hat er beim Vater entdeckt, der seine Soldaten nach der Niederlage von El Alamein 1942 nicht wie General Paulus in Stalingrad in den Tod schickte, sondern sich mit ihnen zurückzog. „Es gibt keine hundertprozentigen Helden, es gibt kein reines Weiß, so wie es kein reines Schwarz gibt“, sagt Remy und drückt damit aus, was er bei seiner Arbeit über die NS-Geschichte gelernt hat. Er möchte Schattierungen zeigen, verstehen und nicht verdammen.

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