Geschichts-TV : Man spricht Hochdeutsch

Zum 2000. Jahrestag der Varus-Schlacht entsteht ein Dokufilm: mit ein bisschen viel Nebel im Wald, aber nicht bei Guido Knopp abgeguckt.

Thomas Gehringer

Arminius hält sich eine Handvoll feuchter Erde unter die Nase und atmet den Geruch tief ein. Im Wald fühlt sich der Germane eben wohl, das ist das Pech der Römer. Ein entschlossener Blick von Arminius, eine auffordernde Geste, dann stößt der Mann neben ihm ins Horn. Die müden Legionäre lässt allein das Angriffssignal angstvoll zusammenfahren. So stellen sich Arte und das ZDF den Beginn der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9 n.Chr. vor, von der es nur Überlieferungen römischer Chronisten und Ausgrabungsstücke am mutmaßlichen Kampfplatz in Kalkriese bei Osnabrück gibt. Und natürlich jahrhundertelange national-mythische Verklärung, von der besonders das kolossale Denkmal von Hermann dem Cherusker alias Arminius zeugt.

Die prekäre Wirkungsgeschichte des antiken Gemetzels interessiert die Autoren des Zweiteilers „Kampf um Germanien“ wenig. Das sei ein „recht abgenutztes Thema“, sagt ZDF-Kulturchef Peter Arens. Im Mittelpunkt stehen die Geschichte selbst, die Konfrontation der germanischen Stämme mit der römischen Weltmacht und die Person des Arminius, der als Sohn eines Stammesfürsten von den Besatzern zur Erziehung nach Rom gebracht wird, als schlachtenerprobter Soldat zurückkehrt und in seiner Heimat wieder die Seiten wechselt. Im Film wird Arminius von einem schmächtigen Schauspieler dargestellt, der zumeist recht finster zwischen seinen strähnigen Haaren dreinblickt. So sieht kein Held aus.

Ein genialer Krieger sei er sicher gewesen, so der Tenor des Zweiteilers für Arte und ZDF, aber neben der Befreiung von römischer Herrschaft könne es ihm auch um eigene Machtinteressen gegangen sein. „Wollte er ein König über ein geeintes Land werden?“, fragt der Kommentator. In der ZDF-Version ist es der kratzige Bass von Otto Sander. Etwas weniger Text aus dem Off, zumal wenn vom „Dröhnen ihrer Schritte“ und dem „Atem aus zahllosen Kehlen“ die Rede ist, wäre aber mehr gewesen. Und etwas weniger Nebel in den Wäldern auch.

Im Jubiläumsjahr der Varus-Schlacht, die im September vor genau 2000 Jahren tobte, wollten ZDF und Arte die ersten Sender auf dem Markt sein. Sie beauftragten erneut die Kölner Produktionsfirma Gruppe 5, die nicht nur den Quoten-Hit „Die Deutschen“ fabriziert hatte, sondern auch darin geübt ist, die Varusschlacht zu inszenieren. Denn die Gruppe 5 von Produzent Uwe Kersken lieferte bereits vor zwei Jahren bei ARD und Arte den Mehrteiler „Die Germanen“ (2007) ab. Damals war Arminius noch blond und die Germanen brabbelten ein unverständliches Kauderwelsch. Nun diskutiert Arminius nach seiner Rückkehr aus Rom in schönstem Hochdeutsch mit seinem Vater. „Du wirst sehen, wir bringen Freundschaft, Frieden und Wohlstand“, sagt der „Römer“ Arminius, ein kultureller Grenzgänger. Die Dialoge entsprechen natürlich nur selten einer wörtlichen Überlieferung, doch die Fiktion wird mit wissenschaftlicher Erkenntnis gekoppelt. Denn während mancher Historiker bei den Inszenierungen des Mainzers Guido Knopp arge Bauchschmerzen hat, treten hier einige der bedeutendsten Althistoriker wie der Berliner Alexander Demandt und der Kölner Werner Eck auf. „Die meisten machen begeistert mit, bei der Zeitgeschichte ist das schwieriger“, sagt Kersken.

1,2 Millionen Euro kostete der „Kampf um Germanien“. Die handwerkliche Qualität (Buch und Regie: Christian Twente) nimmt sichtbar zu: aufwendige Kamerafahrten über Naturkulissen, Verknüpfung von Computeranimationen und realen Spielszenen, kinoreife Optik. Die Schlachtszenen wurden in Tschechien gedreht, Rom entstand auf Malta. Doch laut Kersken ist der Vorteil der filmischen Billiglohnländer aufgebraucht, die zweite Staffel der „Deutschen“ soll in Deutschland produziert werden, unter anderem in Babelsberg. Thomas Gehringer

„Kampf um Germanien“, Arte, um 21 Uhr; ZDF, 22./29. März, 19 Uhr 30

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