Geschichts-TV : "Sonderauftrag Mord"

Eine ZDF-Dokumentation erinnert daran, wie die DDR-Staatssicherheit abtrünnige Genossen bedrohte.

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Jörg Berger.
Jörg Berger.Foto: dpa

Im Juni diesen Jahres starb der Fußballtrainer Jörg Berger. 1979, bereits eine Woche nach seiner Flucht in den Westen – er war von einem Spiel in Jugoslawien nicht zurückgekehrt –, erfuhr er von einem diskreten Herrn, dass alles, was er jetzt tue, Konsequenzen für seine Eltern und seinen Sohn haben würde. Die waren noch in der DDR. Und für ihn selbst?

Mordete die Staatssicherheit vorsätzlich? Ihr vormaliger Offizier Horst Franz, Leiter einer Terror-Abwehrgruppe, leugnet das vor der Kamera des Dokumentaristen Steffen Bayer. Alle leugnen. Aber Franz‘ Wortwahl ist verräterisch. Er spricht noch heute von Menschen, die „der gerechten Strafe zugeführt“ werden mussten. Nun weiß man, dass für Menschen wie ihn die Gerechtigkeit nicht dasselbe war wie für andere. Sie war vor allem „Klassenfrage“.

Eindeutig lässt sich nicht beweisen, dass die Staatssicherheit gemordet hat. Aber die Doku „Sonderauftrag Mord“, die das ZDF am Dienstag zeigt, webt ein immer dichter werdendes Netz aus Fällen und Indizien.

Es genügt schon, Erich Mielke, diesen immer wieder bestürzend primitiven Menschen, noch einmal in internen Aufnahmen zu sehen. Verräter seien besser heute als morgen zu töten, und dann: „Weil ich Humanist bin, deshalb habe ich solche Auffassungen.“ Solche Sätze in seinem Munde sind nicht einmal Zynismus, sondern nur Dokument der Unfähigkeit, einen etwas abstrakteren Satz halbwegs sinnvoll zu bilden. Solche wie er haben sich für ihren Klassenhass nie geschämt, im Gegenteil. Er gilt nicht wenigen noch heute als Tugend.

Dass die alte Bundesrepublik bald eine wirkliche Überlegenheit über die DDR erlangte, nämlich eine zivilgesellschaftliche, haben sie nie begriffen. Immerhin beschränkte sich die Staatssicherheit zunehmend darauf, nur noch „Verräter“ mit mehr oder minder unmittelbar tödlichem Hass zu verfolgen. Also abtrünnige Genossen, aber auch Fußballer, solche wie Berger. Dem Fußballfan Mielke galten auch sie als Verräter.

Der Trainer von Hannover 96, Jörg Berger, nahm zuerst nur ein Kribbeln in den Zehen wahr. Dann konnte er nicht mehr laufen. Als er nach der Wende seine Unterlagen sichtete, dachte er immer öfter an die Möglichkeit, von der Staatssicherheit vergiftet worden zu sein. Jörg Berger gab für diesen Film sein letztes großes Interview.

„Sonderauftrag Mord: Die Geheimnisse der Stasi“, 20 Uhr 15, ZDF

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