Geschichtsdoku : Hitlers willige Helfer

Vom Freund zum Feind: Eine spannende Arte-Dokumentation beschreibt die Rolle der Polizei im NS-Staat.

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April 1933. Eine Razzia der Polizei mit SA-Hilfspolizisten im Berliner Scheunenviertel.
April 1933. Eine Razzia der Polizei mit SA-Hilfspolizisten im Berliner Scheunenviertel.Foto: rbb/Bundesarchiv

Walter Zirpins war Kriminalkommissar in Berlin, als in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 der Reichstag brannte. Er verhörte den am Tatort aufgegriffenen Niederländer Marinus von der Lubbe, der später als Brandstifter verurteilt wurde. Im Krieg wurde Zirpins, ein treuer Polizeisoldat des Führers, im Ghetto von Lodz (Litzmannstadt) eingesetzt. In der Fachzeitung „Kriminalistik“ ließ er sich in der Pose des Herrenmenschen über die „besonderen kriminalpolizeilichen Erscheinungsformen“ der dort auf engstem Raum eingepferchten Juden, Roma und Sinti aus. Doch seine Beteiligung am Vernichtungsfeldzug im Osten hat ihm nicht geschadet. Nach dem Krieg arbeitete er weiter, als wäre nichts gewesen, wurde 1956 gar Leiter der Kripo Hannover. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde in den sechziger Jahren eingestellt.

Nicht nur SS und SA, und nicht nur Gestapo und politische Polizei waren Machtinstrumente des Nationalsozialismus. Auch die Ordnungspolizei diente nach 1933 der Errichtung eines Polizeistaats, setzte die „Schutzhaft“ gegen politische Gegner um und schikanierte sogenannte „Volksschädlinge“. In den besetzten Gebieten im Osten wurden Polizisten schließlich bei den Massenerschießungen von Juden eingesetzt. Aus dem braven Schupo, „deinem Freund und Helfer“, wie es schon in der Weimarer Republik hieß, war in manchen Fällen ein Mörder im Auftrag des Staates geworden. Etwa im Fall der Mitglieder des berüchtigten Bataillons 101. Dessen Kompaniechef Julius Wohlauf musste im Nachkriegsdeutschland als einer der wenigen Polizisten im Gefängnis für seine Taten büßen. Wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 8000 Menschen wurde er verurteilt – zu acht Jahren Haft.

Zirpins und Wohlauf zählen zu den Personen, die in der Dokumentation „Hitlers Polizei“ beispielhaft für die Verstrickung in die Nazi-Verbrechen stehen. Historiker haben in den vergangenen Jahren das Bild von der sauberen Polizei nach 1933 korrigiert, das so lange Zeit gepflegt worden war.

Mittlerweile stellt sich auch die Polizei selbst, wie es scheint, ihrer Vergangenheit. Am 1. April eröffnet im Deutschen Historischen Museum in Berlin die Ausstellung „Ordnung und Vernichtung - Die Polizei im NS-Staat“, mitgetragen von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster. Aus diesem Anlass beauftragten die ARD-Sender RBB und WDR sowie Arte die Frankfurter Filmemacher um Wolfgang Schoen, dessen Produktionsfirma tvschoenfilm vor einigen Jahren bereits die dreiteilige Reihe „Die Gestapo“ für die ARD gedreht hatte.

„Hitlers Polizei“ bietet einen Überblick über die gesamte Nazizeit, eine klassische Dokumentation ohne Spielszenen und übertriebene Musikberieselung, mit viel Archivmaterial, Interviews von Zeitzeugen und Historikern, darunter dem Amerikaner Christopher Browning, Autor des Buchs „Ganz normale Männer“ über das Bataillon 101. Die Autoren setzen neben Wochenschau-Bildern und anderem Propagandamaterial eine reiche Auswahl an Fotos und seltener gesehenen Filmausschnitten ein. Wo Bilder fehlen, hilft man sich mit Zeichnungen aus – ein nicht ganz überzeugender, in diesem Film eher überflüssiger Versuch, der Gewalt mit künstlerisch-ästhetischen Mitteln beizukommen.

Wie üblich hat Arte das Recht der Erstausstrahlung. Die 52-minütige Fassung fällt zwar kompakter aus, doch es fehlt manches Detail. So findet sich der Abschnitt über die Rolle der Polizei bei der Reichspogromnacht im November 1938 nur in der ersten Folge des insgesamt 90-minütigen ARD-Zweiteilers, der leider mal wieder am späten Abend versendet wird.

„Hitlers Polizei“; Arte, 20 Uhr 15 Uhr; ARD, 30. März und 6. April, jeweils 23 Uhr 30

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