• Geschlossene Gesellschaft ARD-Psychothriller„Puppengräber“ mit Suzanne von Borsody

Medien : Geschlossene Gesellschaft ARD-Psychothriller„Puppengräber“ mit Suzanne von Borsody

Mechthild Zschau

Die Maus regt sich nicht. Das Huhn mit der Hand um den Hals regt sich auch nicht mehr. Der Junge schaut verblüfft unter hängenden Lidern hervor. Das hat er nicht gewollt. Und nicht gedurft. Mutter Trude streckt den Zeigefinger hoch, schüttelt den Kopf. Der Junge brummt. Worte hat er kaum. Ben ist behindert. In den Nächten streift er durch Wald und Maisfeld, verstört Liebespaare, denen er, der Pubertierende, auflauert, bringt Beute mit und vergräbt sie zu Hause im Beet wie die tote Maus. Erst einen Slip, dann einen Finger. „Ben ist ein guter Junge“, sagt Mutter Trude, zieht ihn an sich, schließt die Augen vor dem heraufziehenden Unheil. Denn im Dorf verschwinden Mädchen, vorzugsweise blonde.

Ein Dorf, eine Familie, ein heißer Sommer. Von Idylle keine Spur. Im Zentrum stehen Trude und Ben, ineinander verschmolzen auf Gedeih und Verderb. Draußen ist die Dorfgemeinschaft mit ihren uralten Abhängigkeiten, Konkurrenzen, Freund- und Feindschaften, ihrem Getuschel. Sie lehnt den kaum kontrollierbaren Behinderten ab, sähe ihn lieber wohlverwahrt in einem Heim. Aber Trude lässt ihn nicht los.

Dem Film „Der Puppengräber“ liegt ein Roman der Bestsellerautorin Petra Hammesfahr zugrunde. Und das ist schon Gewähr genug dafür, dass es sich nicht um einen schlichten Krimi handelt, sondern um ein raffiniert konstruiertes Psychogramm einer kleinen, überschaubaren Gesellschaft mit einer Fülle emotionaler Verstrickungen, aus denen das Grauen langsam und unerbittlich wächst. Drehbuchverfasser Christoph Busch (Co-Autor beim Vierteiler „Jahrestage“ nach Uwe Johnson) reduziert geschickt das dichte Gewebe des Buches aufs 90-Minuten-Format, ohne der Psychologie der Figuren die Tiefendimensionen zu rauben. Und das Regiepaar Claudia Prietzel und Peter Henning füllt die Geschichte, deren wichtigste Ereignisse im Unsichtbaren bleiben, mit intensivster Spannung und einem frappierenden Rhythmus, der zwischen vergnügtem Toben und unheildräuender Stille wechselt.

Das Wunder dieses Filmes aber sind die Hauptdarsteller: die brüchig-leidenschaftliche Identifikationsfigur Suzanne von Borsody als Mutter und der ganz junge Debütant Sven Hönig als behinderter Ben, dessen riesige Augen so viel Charme wie Irritation ausstrahlen, dessen eckige, Tieren abgeschaute Körpersprache die fehlenden Worte mühelos ersetzt. Ihnen beiden zuzuschauen beim virtuosen mimischen Kammerspiel im engen Spiegelkabinett des Dorfes zieht so in den Bann, dass der kriminalistische Schluss fast zu grob wirkt. Denn eigentlich geht es gar nicht um Mord.

„Der Puppengräber“: 20 Uhr 15, ARD

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