Gesellschaft : Wohin mit Vater?

Aus dem Problemen der alternden Gesellschaft einen Film machen? Einen "Fernsehfilm der Woche", der unterhält und überrascht? Das ist doch wohl kaum möglich. Oder doch?

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Ins Pflegeheim oder nicht? Susanne (Anna Loos) und Thomas (Hans-Jochen Wagner, rechts) müssen für ihren Vater (Dieter Mann) eine Lösung finden. Foto: ZDF
Ins Pflegeheim oder nicht? Susanne (Anna Loos) und Thomas (Hans-Jochen Wagner, rechts) müssen für ihren Vater (Dieter Mann) eine...Foto: Conny Klein

O ja, das Thema kennen wir zur Genüge, es hängt uns zum Halse heraus: Die alternde Gesellschaft produziert immer mehr pflegebedürftige Omas und Opas, die Heime sind meist nicht optimal, die erwachsenen Kinder aber überfordert, da sie eigene Familien mit kleinen Kindern haben. Was also tun? Man strickt an individuellen Lösungen, und die gute Nachricht ist, dass die große Mehrheit aller Senioren dann doch zu Hause gepflegt wird.

Aus dieser Problemlage einen Film machen? Einen „Fernsehfilm der Woche“, der unterhält und überrascht? Das ist doch wohl kaum möglich. Und doch: Regisseur Tim Trageser, Drehbuchautorin Laila Stieler und Kameramann Eckhard Jansen haben auf der Grundlage des Buches „Wohin mit Vater?“ von Anonymus das Unmögliche möglich gemacht und die zu Tode problematisierte Thematik sozusagen wiedererweckt und mit Leben erfüllt, sie haben einen schönen, ernsten, unaufgeregten Film daraus gemacht, der bis zur letzten Einstellung fesselt. Vielleicht war es keine so gute Idee, die Familie, die vor der „Wohin-mit-Vater?“-Frage steht, über die Liebesverwicklungen des Sohnes Thomas (Hans-Jochen Wagner) und der Tochter Susanne (Anna Loos) einzuführen. Aber nachdem das durchgestanden ist und sich die Geschwister mit dem alten Vater (Dieter Mann) am Totenbett der Mutter treffen, findet der Film seinen Ton und sein Tempo, und jetzt geht nichts mehr schief. Der Zuschauer wird Zeuge existenzieller Entscheidungen von Vater, Bruder und Schwester: Wie und wo werden wir künftig zusammen leben? Werden wir überhaupt zusammen leben? Der Vater kann nicht alleine bleiben. Seine Beine gehorchen ihm nicht mehr. Solange Mutter noch lebte, ging es. Sie hat ihn gestützt, fast getragen. Doch nun?

Die Drehbuchautorin Stieler sagt, dass ihr Ausgangspunkt für diesen Film das Schweigen gewesen sei, in das Familien verfallen, sobald das Thema Pflege auf den Tisch kommt. Diesen Grundgedanken hat sie für ihren Film variiert; es dauert eine ganze Weile, bis dessen Personen begreifen, was los ist, und dann darüber sprechen, wobei sie meistens schimpfen, streiten, stammeln oder weinen. Der Vater meint, er brauche nur eine vorübergehende Lösung, bis es wieder gut sei mit seinen Beinen. Er weiß nicht und er will nicht wissen, dass dieser Tag nie kommen wird. Und die Geschwister verteidigen ihr eigenes Leben gegen das Schicksal des Vaters. Bis Susanne sagt – nein, sie sagt es nicht, es bricht aus ihr heraus: „Ich werd’s machen. Ich muss das tun, ich muss.“ Aber auch das ist nicht das letzte Wort.

Anna Loos ist als Susanne großartig – ihre Trauer um die Mutter, ihre Sorge um den Vater spiegeln sich als leidenschaftliche Facetten auf ihrem ausdrucksstarken, ungeschminkten Gesicht. Hans-Jochen Wagner als Sohn Thomas, der die Familie früh verließ, ist skeptischer, stiller, aber nicht minder bewegt. Und dann der Vater. Dieter Mann spielt ihn als überzeugende Mischung aus egoistischem, Befehle erteilenden Kotzbrocken und verletzlichem, geknickten, liebesfähigen Kerl, der nachts in die Kissen weint, weil er seine Frau vermisst. Schließlich muss Aleksandra Balmazovic erwähnt werden, die illegale Krankenschwester aus dem Osten, die auch eine Lösung sein könnte. Ihre Munterkeit und Stärke wirken zunächst aufgesetzt, bis klar wird, dass sie einfach menschliche Qualitäten sind.

Gegen Ende des Lebens, das zeigt „Wohin mit Vater?“, stellen sich dieselben Anforderungen wie zu dessen Beginn: Jemand muss da sein, der für die Schwachen sorgt und sie trägt. Und auch wenn das anstrengend und teuer ist, so lohnt es sich doch für alle. Denn die Gefühlstiefe, in die man jetzt eintaucht, und seien diese Gefühle noch so schmerzlich und bitter, entlässt die Familienmenschen (und irgendwie, irgendwann sind wir alle Familienmenschen) weiser, besser, stärker und sogar heiterer. Barbara Sichtermann

„Wohin mit Vater?“, ZDF, 20 Uhr 15

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