Medien : Gesichtsverlust

Die letzte Ausgabe von „The Face“ ist erschienen. Ein Nachruf von Ex-„Wiener“-Chef Markus Peichl

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Meine erste Begegnung mit „The Face“ war eine rein zufällige. Ich war 22 Jahre alt und seit kurzem Chefredakteur einer Zeitschrift namens „Wiener“. Zu meinen Marotten gehörte damals, dass ich jeden Morgen an meinem StammKiosk heimlich den „Wiener“-Stapel durchzählte und die Menge der Abverkäufe prüfte. Als ich gerade mal wieder meinen Zähl-Finger über die Heft-Rücken gleiten ließ, fiel mein Blick auf ein Cover, das mich sofort elektrisierte. „The Face“ stand darauf, die Schrift eigenwillig gequetscht und gestaucht, das Titelbild markanter und kraftvoller als bei jedem anderen Heft, das ich bis dahin kannte.

Vieles, was ich in „The Face“ fand, deckte sich mit dem, was wir im „Wiener“ machten oder machen wollten. Das brachiale, plakative Layout; die respektlosen, zynischen Texte; der gnadenlose, offene Subjektivismus; der unverfrorene, provokante Bezug zur 30er-Jahre-Ästhetik; die klaren und dabei doch verklärenden Fotos; die geheimen und trotzdem offensiv zur Schau gestellten Codes eines neuen Modebewusstseins; der störrische, unerschütterliche Glaube an die Macht der Populärkultur als einzige und letzte Rettung vor der kaputt diskutierten Welt der 68er; die schlimme Gewissheit, dass alles gesagt ist und deshalb nur noch Schweigen oder Schreien hilft – all das war „The Face“, und all das trieb auch uns beim „Wiener“ um. „The Face“ in den Händen zu halten, war damals, 1980, ein beruhigendes Gefühl. Es war das Gefühl, nicht allein zu sein. Da gab es also irgendwo in London Menschen, die dasselbe dachten und etwas Ähnliches machten wie wir.

„The Face“ wirkte in dieser Phase wie eine versehentlich eingenommene Droge. Das Blatt formte das Kollektivbewusstsein seiner Leser scheinbar ohne jeden Gestaltungswillen. Es war in seinen Aussagen direkter und radikaler als alle anderen Blätter unserer Generation, in der Art der Umsetzung aber zugleich spielerischer und unverkrampfter.

Die Bibel des Pop

„The Face“ wurde wichtig, weil es sich nicht wichtig nahm. Es wurde die unfreiwillige Bibel der 80er Jahre. Es erklärte Stil zur Haltung, Ästhetik zur Ideologie und Pop zur Religion. Es prägte unser Stilempfinden und veränderte unsere Wahrnehmung – obwohl oder gerade weil es das nicht wollte.

Nick Logan, der Gründer von „The Face“, wischte jedes Ansinnen, sein Blatt habe so etwas wie eine Vorreiterfunktion, stets mit gequältem Lächeln vom Tisch. Er musste es tun, denn alles andere hätte das „System Face“ zum Einsturz gebracht. Mir ging es damals beim „Wiener“ und später bei „Tempo“ nicht anders. Das Eingeständnis, man würde etwas beeinflussen, war im Zeitalter skeptischer Coolness gleichbedeutend mit Einflussverlust – ein anstrengendes Spiel.

Drei Jahre, nachdem die erste „Face“-Ausgabe erschienen war, lernte ich Logan persönlich kennen. Die anfänglichen Zweifel an unseren Blättern – die eigenen ebenso wie die unserer Kritiker – waren verflogen. Sowohl „The Face“ als auch der „Wiener" hatten zu sich gefunden, und in ganz Europa waren Zeitschriften entstanden, die den unseren ähnelten. Jean François Bizot, der Herausgeber des französischen Magazins „Actuel“, lud Logan und mich nach Paris ein, um eine Art Lifestyle-EU zu gründen. In unserer gemeinsamen Hinwendung zur Entideologisierung des Denkens und zur Ästhetisierung der Welt sah Bizot die wahre Kraft des neuen Europa. Logan und ich fanden das ein wenig übertrieben, aber immerhin hatte die Initiative zwei handfeste Folgen: Zum einen brachten „The Face“, „Actuel“, „Wiener“ und sieben andere europäische Blätter wenig später eine gemeinsame Ausgabe heraus – ein chaotisches Unterfangen, das uns zeigte, dass es mit den Gemeinsamkeiten doch nicht so weit her war. Zum anderen begründete sich zwischen Logan, Bizot und mir eine recht dauerhafte Freundschaft.

Logan war ein stiller, zurückhaltender, bescheidener Mann. Er hatte mit einer Teeniezeitschrift im „Bravo“-Stil ein wenig Geld gemacht und steckte es jetzt Monat für Monat in seinen großen Traum von einer radikalen, nur dem guten Geschmack verpflichteten Pop- und Style-Zeitschrift – „The Face“ eben.

Neben einem ungeheuren journalistischen Instinkt hatte Logan vor allem eine Gabe: Er spürte ständig die besten jungen Kreativköpfe auf und leitete sie so geschickt an, dass sie nichts von ihrer Ungestümheit verloren, aber trotzdem zu höchster Zielgerichtetheit fanden. Dank Nick Logan, der Anfang der 80er mit über 40 für ein New-Generation-Project eigentlich zu alt war, modellierte sich aus dem stets wechselnden Wir-sind-anders-Gefühl seiner jugendlichen Crew eine klare, fast schon fixe Idee.

„The Face“ hatte von all unseren Blättern zweifellos die größte internationale Strahlkraft. Was Jugend- und Populärkultur ausmachte, kam von „The Face“. Zumindest kam es daran nicht mehr vorbei. „The Face“ prägte und beeinflusste einfach alles. Schreiber wie Julie Burchill, Tony Parson und Stephen Armstrong kreierten eine neue, britische Variante des New Journalism, der vor Sarkasmus so sehr strotzte, dass sich „SZ“- Feuilletonisten und Spiegel-Online-Schreiber noch heute die Finger wund schreiben, um vielleicht doch noch irgendwann mal daran heranzureichen. Fotografen wie Juergen Teller, Nick Knight, Stephan Sednaoui, Terry Richardson oder Mario Testino erfanden eine neue, radikale Fotoästhetik, gegen die alles, was an gefeierten deutschen Independent-Magazinen in den letzten Monaten auf den Markt gekommen ist, wie eine spießige Gartenlaubenidylle aussieht. Der Art-Direktor Neville Brody revolutionierte das Grafik-Design, schuf immer neue Typografien und stürzte mit jedem Heft-Relaunch die gesamte Editorial- und Werbe-Welt in tiefste Depressionen: Wie sollte man das nur wieder kopieren? Fotomodelle wie Kate Moss, Claudia Schiffer oder Kristy Turlington wurden von „The Face“ entdeckt und groß gemacht. Popstars wie Madonna, Prince oder die Pet Shop Boys liebten das Blatt und rissen sich um große Fotostrecken, Independent-Ikonen wie Nirvana, Pulp oder Oasis betrachteten es als ihre Heimat. Und Tom Ford, Vivienne Westwood, Jean-Paul Gaultier oder Helmut Lang? Ohne „The Face“ hätte ihnen ein Sprungbrett gefehlt, auf dem sie gefahrlos rumhüpfen, sich erproben konnten.

Scheitern als Prinzip

Wenn ich mit meinem österreichischen Akzent „The Face“ sagte, klang es meist wie „The Faith“ – der Glaube. Als Nick Logan mich einmal darauf aufmerksam machte, meinte ich, dass es ohnehin der bessere Name für das Blatt sei.

In den letzten Jahren hatte sich der Glaube verflüchtigt. Nick Logan war längst von Bord gegangen. Zahlreiche Eigentümer- und Chefredakteurswechsel hatten unübersehbare Korrosionsspuren hinterlassen. Zum Wesen eines Blattes wie „The Face“ gehörte das permanente Scheitern. Wenn es jetzt endgültig scheitert, verliert es nichts von seinem Glanz und seiner Bedeutung.

Was hat „The Face“ groß gemacht? Die Fotos? Die Texte? Das Layout? Die Haltung?

Irgendwie alles. Vor allem aber hatte „The Face“ die richtige Einstellung zu unserem Leben in den 80ern und 90ern gefunden. Nachdem es anfangs noch nicht genau wusste, ob der revolutionäre oder coole Gestus für die „Agenda 80/90“ richtig war, schälte sich aus dieser Unschlüssigkeit irgendwann die Gewissheit heraus, dass das Coole gleichzeitig das Revolutionäre war. Das hat „The Face“ bedeutend gemacht – und seine Leser zu den unerwachsensten Erwachsenen, die es je gab.

„The Face“ hat sein Credo bewundernswert lange und bewundernswert beharrlich hochgehalten. Wenn es jetzt stirbt, stirbt auch ein Stück weit die Identität einer Generation. Erwachsen wird sie dennoch nicht.

Markus Peichl war Chef der Zeitgeistmagazine „Wiener“ und „Tempo“. Heute arbeitet er als Redaktionsleiter bei „Beckmann“.

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