Medien : Geständnisse eines Handlungsreisenden

Bill Clintons Wochenende im deutschen Fernsehen: Kerner menschelt, und Christiansen will ihn nackt

Tanja Stelzer

Sabine Christiansen braucht fünf Minuten, um auf das Thema zu kommen. Sie macht es nicht auf die charmante Art. Warum man sich denn durch so viele Seiten kämpfen müsse bis zu jenem persönlichen Kapitel, für das die meisten sich interessierten? „Sie offensichtlich auch“, pariert Bill Clinton, und er lächelt nicht.

Sabine Christiansen hat den Namen Monica Lewinsky nicht ausgesprochen. Sechs Jahre nach dem Skandal reicht noch immer eine vage Andeutung, und jeder hat eine Zigarre im Kopf, ein blaues Kleid, Clinton, der sagt: „I did not have sexual relations with that woman.“ Wir kennen alle Details dieser Affäre. Wollen wir wirklich noch mehr wissen? Sabine Christiansen will; wahrscheinlich denkt sie, sie muss. Sie wird später noch auf das Thema zurückkommen, und sie wird es nicht besser machen als beim ersten Versuch.

Im deutschen Fernsehen ist, endlich, ein Superstar zu sehen. Bill Clinton ist auf Deutschland-Reise, er stellt seine Memoiren vor. Seine Auftritte sind auch ein Wettkampf der wichtigsten Talker der Nation. Am Sonntag war der ehemalige US-Präsident bei Sabine Christiansen, gestern wurde sein Auftritt bei Johannes B. Kerner ausgestrahlt. Kerner betont in Interviews immer sein politisches Interesse, Ambitionen auf eine politische Talkshow werden ihm nachgesagt. Seinen Gast hat er in letzter Sekunde dem Konkurrenten Beckmann abgejagt; Gerüchte, dahinter steckten bis zu 400 000 Euro Honorar für Clinton, hat Kerner dementiert. Für ihn war das Clinton-Interview auch eine Bewährungsprobe: Kann Kerner Politik?

Christiansen und Kerner hatten keine leichte Aufgabe. Clinton hat in amerikanischen Interviews schon jede Frage beantwortet, in seinem Buch steht alles drin. 1500 Seiten, deren nächtliche Lektüre Sabine Christiansen am Sonntagabend offenbar noch in den Knochen steckt. „Warum müssen wir da noch mal durch?“, fragt sie etwas pampig.

In den meisten Berichten dieser Tage über Bill Clinton erscheint der Ex-Präsident als eine Art politische Lichtgestalt. Es gab Frieden, es gab Jobs. Kerner sagt nach der Aufzeichnung seiner Sendung: „Als Clinton Präsident war, habe ich mich sicherer gefühlt.“ Sabine Christiansen formuliert es ihrem Gast gegenüber so: Er habe ja Glück gehabt, dass seine Präsidentschaft zwischen dem Kalten Krieg und dem 11. September 2001 lag.

Wie oft hat man den Vorwurf schon gehört: Sabine Christiansen biedert sich den Politikern an. Bei Bill Clinton, dem Superstar, dem Womanizer, hat sie sich offensichtlich vorgenommen, es anders zu machen. Die neue Methode funktioniert schlecht. Clinton stutzt einen Moment und zählt auf, welche Terrorangriffe es in seiner Zeit gab, wie viele verhindert wurden, wie unsicher die Lage damals in Russland, auf dem Balkan war.

Wie befragt man einen wie Bill Clinton? Am Freitag, erzählt Johannes B. Kerner, seien zwei Mitarbeiter aus Clintons Büro bei ihm gewesen. „Sie sagten: Ask everything you want.“ Zunächst einmal will Kerner, der Polit-Talker, wissen: Was ist das für ein Armband, das Sie tragen? („Ein Geschenk von kolumbianischen Kindern.“) Wer hat das Buch zuerst gelesen, Hillary oder Chelsey? („Beide.“) Wer war strenger? („Chelsey. Sie hatte auf jeder Seite Korrekturen. Sie sagte: Papa, das klingt arrogant.“) Wie war die erste Begegnung mit Hillary? („Sie trug eine dicke Brille, ihre Haare waren etwas komisch geschnitten, aber sie hatte eine starke Ausstrahlung.“) Wer kam auf die Idee mit der Ehetherapie? („Wir beide. Eine unglaubliche Erfahrung, ich kann es nur empfehlen.“)

Im Kerner-Studio sitzt Clinton entspannt, leicht zurückgelehnt, das Erzählen scheint ihm Spaß zu machen. Kerner sitzt wie immer nach vorn über die Tischplatte gebeugt, manchmal führt er die Hände zusammen, als wolle er gleich beten. Der Interessierte, Einfühlsame. „Haben Sie gelitten unter Ihrem Stiefvater?“ Clinton schweigt, Kerner verharrt in seiner Position, doch das Einfühlsame kommt nicht so richtig rüber, wenn ein Übersetzer zwischengeschaltet ist. Schließlich sagt Clinton: „Ein bisschen.“

Bill Clinton hat in seinem Buch viel von zwei parallelen Welten geschrieben, in denen er lebte. Bei Kerner erzählt er von seinem äußeren Leben, „das ich liebte“, und dem inneren Leben, das „sehr schwer zu gestalten“ war. Laufen die zwei Leben noch nebeneinander her? „Sie sind besser aufeinander ausgerichtet“, sagt Clinton. Auf diese Passage ist Kerner später stolz. Sie erlaubt ihm, seine Lewinsky-Frage relativ dezent zu stellen: Monica Lewinsky, war das Teil des Parallellebens? „Wahrscheinlich“, antwortet Clinton und kommt dann sofort auf den Verlust der Mehrheit im Kongress, das Amtsenthebungsverfahren, den Abbruch der Stimmauszählung in Florida. Bei dem Thema hat er die Unterlippe zum U geformt. „Macht konnte Sie auch verführen?“, fragt Kerner. „Absolut.“ Kerner hakt nicht nach wegen Lewinsky, „es war nicht so, dass ich den Ex-Präsidenten nackt sehen wollte“, sagt er, als die Scheinwerfer aus sind.

Sabine Christiansen, so scheint es, wollte. Nach einem Einspieler über Clintons Biographie startet sie einen zweiten Versuch. Sie erwähnt einen Bericht der „Washington Post“, die Clintons Lüge über die Beziehung zu Monica Lewinsky enthüllt hatte. Ob er jemals an Rücktritt gedacht habe? Niemals, sagt Clinton, und spricht über das Spiel, das die Republikaner mit ihm trieben. Christiansen bleibt dran: „Es gab viele Halbwahrheiten, Interviews, die nicht Ihre Glaubwürdigkeit gestützt haben.“ „Bleiben wir bei Monica Lewinsky...“ Es ist nicht erkennbar, was genau Christiansen eigentlich hören will. Die Neuigkeit, dass Clinton gelogen hat? Der ungewohnt investigative Ton will nicht recht passen.

Und Kerner, kann er Politik? Am Ende will er von Bill Clinton wissen, ob er den Irak angegriffen hätte (nein), welche Probleme es bei der CIA gibt (keine), wie gut Kerry ist (prima). Dann gibt es noch die Frage, ob Bill Clinton Minister wird, wenn Hillary Präsidentin ist. Er werde erst wieder ein öffentliches Amt bekleiden, wenn er damit mehr erreichen könne als jetzt, sagt Clinton. Ob Kerner mit einer Polit-Talkshow mehr erreichen könnte?

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