Gesundheitssystem : Auf dem Weg durch die Klinikflure

In der ARD-Reportage „Kasse gegen Privat“ von Sandra Maischberger wird Klartext in Sachen Gesundheitssystem geredet.

Simone Schellhammer

Kassenpatienten müssen ihre Behandlung vor Gericht erstreiten, Ärzte sich als Unternehmer verstehen und Krankenschwestern im Minutentakt von Zimmer zu Zimmer eilen. Der wachsende ökonomische Druck in der Gesundheitsversorgung ist ein Dauerbrenner in deutschen Talkshows, um nicht zu sagen: ein alter Hut. Auch Sandra Maischberger hat das Thema in ihren Sendungen mehr als einmal behandelt. Nach eigener Aussage mit begrenztem Erfolg. „Das Problem des deutschen Gesundheitswesens ist zu kompliziert, um es in einer Diskussion zu lösen“, sagt die Moderatorin des ARD-Talks „Menschen bei Maischberger“. Daher wollte sie zusammen mit ihrer Redaktion das Thema einmal intensiver recherchieren und liefert mit dem 45-minütigen Film „Kasse gegen Privat“ eine klar formulierte Zustandsbeschreibung der medizinischen Versorgung in Deutschland ab.

Das Thema Gesundheitsfonds hält Maischberger für ein großes Ablenkungsmanöver der Politiker, „um über ihre eigene Unfähigkeit hinwegzutäuschen“. Sie widmet sich daher konkreten Patientengeschichten, Arztpraxen und Krankenhäusern. Dabei ist die Journalistin ein bisschen zu oft auf dem Weg durch Fußgängerzonen und Klinikflure zu sehen. Einmal darf sie im Gespräch mit einem Chirurgen auch ein OP-Häubchen tragen. Eine der Stärken dieser Reportage, die Maischberger mit ihrer eigenen Filmfirma und dem Autor Ulrich Stein realisiert hat, ist auf jeden Fall, dass Ulla Schmidt darin nicht vorkommt.

Es taucht überhaupt nur ein einziger Politiker auf: Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der erfreulich deutlich sagt, dass sich an der Zweiklassenmedizin nichts ändern werde, weil „die Entscheidungsträger unter dem System nicht zu leiden haben“. Will heißen: Politiker, Funktionäre und meinungsmachende Journalisten sind in aller Regel privat versichert. So auch Sandra Maischberger, die sich Anfang 20 für die günstigere Alternative und damit für die Privatversicherung entschied. „Manchmal ist mir das richtig peinlich“, gestand sie bei der Pressekonferenz in Hamburg. Wenn sie etwa in ein besonderes Wartezimmer gewiesen oder trotz großem Andrang sofort vorgelassen wird. Auch wenn die Tatsache, dass Kassenpatienten längst nicht mehr immer die optimale Behandlung erhalten, bekannt ist, liefert dieser Film deutliche O-Töne vonseiten der Ärzte: Ja, die Krankenkassen drohen mit Regress, falls zu teure Medikamente verschrieben werden. Ja, die Fallpauschalen in den Krankenhäusern führen zum Teil dazu, dass Patienten „englisch“ – das heißt: noch blutig – entlassen werden.

Zu den Problemen der medizinischen Rationierung befragen die Autoren auch eine in der Öffentlichkeit kaum bekannte Institution, in der gewissermaßen die Herren über Leben und Tod sitzen: den Gemeinsamen Bundesausschuss mit Vertretern der Kassen und der Ärzteverbände. Dort wird gesetzlich festgelegt, welche Therapien die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen und welche nicht. Erstaunlich, wie selbst Fachleute die Kriterien, nach denen hier entschieden wird, nicht erklären können. Am Ende sind es „die drei Ks“, von denen die Journalistin Sibylle Herbert in ihren Büchern „Überleben Glückssache“ und „Diagnose: Unbezahlbar“ spricht, die über alles entscheiden: Sich kümmern, kundig machen und kämpfen. Simone Schellhammer

Kasse gegen Privat“, Montag, 21 Uhr, ARD

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