Gewalt und Medien : Dein Nachbar in Afghanistan

Warum uns die Fernsehbilder über die Opfer eines Amoklaufs noch immer mehr verstören als die Toten eines fernen Kriegs.

Ernst Elitz
Traurige Wirklichkeit. Ein verwundeter Soldaten, wie hier nach einem Taliban-Angriff in Kundus, kann auch zum Objekt der Propaganda entwürdigt werden.
Traurige Wirklichkeit. Ein verwundeter Soldaten, wie hier nach einem Taliban-Angriff in Kundus, kann auch zum Objekt der...Foto: AFP

„Ich möchte endlich die Bilder eines sterbenden deutschen Soldaten in Afghanistan sehen“, sagt ein Kollege auf einem Journalistenseminar zum Thema Tod und Gewalt in den Medien. Die Bemerkung geht unter im Stimmengewirr und niemand stutzt. Gerade hat die Runde über die Video-Sequenz der sterbenden iranischen Studentin Neda Agha Soltan gesprochen. Die Studentin wurde im Juni 2009 während einer Demonstration durch den Schuss aus der Pistole eines Angehörigen der Revolutionsgarden getötet. Das Video, das von fast allen Fernsehstationen ausgestrahlt wurde, zeigt 40 Sekunden lang ihren Todeskampf. Es wurde eine Ikone im Kampf für die Menschenwürde. Um die Würde des Menschen zu wahren, muss man manchmal auch seine Entwürdigung zeigen.

Längst führt nicht mehr jedes Bild von Tod und Gewalt in den Medien zu Protesten in der Öffentlichkeit. Das Publikum weiß: Das wirkliche Leben ist keine gewaltfreie Puppenstube. Deshalb klingt der Ruf nach mehr Jugendschutz im Fernsehen so kurios, wo doch die Jugend durch das Internet surft und dort ihren Blutdurst befriedigen kann. Die klassischen Medien wenden sich an reifere Persönlichkeiten, die bei Bildern von Dahingemetzelten im Sudan, von Erdbebenopfern in Hawaii, von Flutopfern in Pakistan schon mal ermattet die Augen schließen. Den „Tue-Gutes“-Impuls dämpft das nicht. Ohne erschütternde Bilder von Situationen des Leidens und Sterbens wären die Deutschen nicht Spendenweltmeister.

Die Medienmoral ist pragmatisch geworden. Dienen die Bilder einem guten Zweck, werden sie keiner Kritik unterzogen. Zeigen sie das Wüten eines Terrorregimes, bleibt der Einspruch aus. Deshalb gab es beim Deutschen Presserat keine einzige Klage gegen die Veröffentlichung der Sterbesequenz der Iranerin.

Im Jahr 2010 starben fast 700 Soldaten beim Einsatz der Internationalen Sicherheitstruppe in Afghanistan (ISAF). So viele Ausländer sind bislang in keinem Jahr des 2001 begonnenen Kriegs umgekommen. In den neun Jahren seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes starben insgesamt 45 deutsche Soldaten, erst jüngst am Wochenende wieder ein deutscher Soldat bei einem tragischen Unfall mit seiner Dienstwaffe.

Der Tod kommt täglich. Warum will ein deutscher Journalist das Sterben eines deutschen Soldaten, womöglich in einer Videosequenz wie der von Neda Agha Soltan, sehen und – senden? Ginge es ihm darum, die Brutalität der Taliban zu denunzieren, so ist das hinreichend geschehen durch Bilder von Geisel-Enthauptungen oder durch das „Time“-Titelblatt, das das entstellte Gesicht einer jungen Afghanin zeigt. Wo also ist hier der gute Zweck?

Wir erinnern uns alle in Bildern. Einer ganzen Generation hat sich das Foto eingeprägt, auf dem der Polizeipräsident von Saigon einen Vietcong auf offener Straße exekutiert. Oder das Bild des vietnamesischen Mädchens, das von Napalm verbrannt, das Gesicht von Entsetzen gezeichnet, der Kamera des Reporters entgegenläuft. Solche Bilder haben Abscheu geweckt und die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg befeuert. Es waren Bilder gegen das Pentagon und das Weiße Haus. Also dürfte das Bild eines sterbenden Soldaten in deutscher Uniform sich an Herrn zu Guttenberg und Angela Merkel richten, um den schnellstmöglichen Abzug des Bundeswehrkontingents zu erzwingen.

Bei authentischen Gewaltbildern geht es daher kaum noch um Würde und Persönlichkeitsrechte des Opfers, sondern um einen politischen Zweck, den man aus dem eigenen Blickwinkel für höchst moralisch hält.

Doch trotzdem schrillt noch die gute alte Moralsirene. Das von seinen Eltern misshandelte, verhungerte Kind, die Opfer eines Amoklaufs, das Foto eines geschändeten, ermordeten Mädchens werden nach wie vor am klassischen Katalog der Medienethik gemessen. Dabei denunzieren auch diese Bilder die Täter und dokumentieren höchst authentisch die Folgen eines sozialen Desasters – eine um sich greifende Verwahrlosung und kriminelle Gewalt. Aber Bilder aus der Nachbarschaft inkommodieren die Sofagemütlichkeit mehr als die Schrecken eines Kriegs im fernen Afghanistan.

Wenn hinter der Türkei die Völker aufeinander schlagen, ist das für den Zuschauer so real wie eine Seepartie mit dem Traumschiff des ZDF. Vor der Flimmerkiste grassiert eine Form von Realitätsverlust, die wir Fernsehwirklichkeit nennen. Je näher die Katastrophen rücken, desto eher klickt der „Trigger“ – so nennen Psychologen den Auslösereiz –, der den Schleier der Verdrängung zerreißt. In der Nahwelt werden Gewalt und Tod ganz persönlich. Sie können morgen jeden treffen, oder sie könnten durch beherzten Einsatz zugunsten der Opfer verhindert werden. Deshalb möchte der Bürger keine toten Kinder aus seiner Nachbarschaft sehen – Deutschland ist nicht Haiti –, sondern höchstens den Pastor, der schockgefroren ein paar besinnliche Worte spricht. Die Angst greift nach der Moral und reduziert sie auf einen Zweck: Das Bilderverbot soll die Bedrohung bannen. Es ist ein archaischer Akt.

Würde ich nun das Video eines sterbenden Bundeswehrsoldaten in Afghanistan zeigen? Nein! Eher die Toten auf dem Schulhof von Winnenden. Ihr Bild kann uns drängen, unseren Alltag zu verändern, mehr Aufmerksamkeit auf unsere Umgebung zu richten und auf Gefahrensignale zu achten. Auch das ist nicht zweckfrei. Aber der Sterbende auf dem Bild aus der afghanischen Wüste würde zum reinen Objekt der Propaganda entwürdigt. Ein solches Bild würde alle anderen Argumente erschlagen, die nicht gegen, sondern für einen militärischen Einsatz sprechen, der auch die Würde von Frauen und Kindern schützt. Welches Bild ich zeige, ist immer die Frage einer persönlichen, eher politischen als moralischen Gewissensabwägung. Deshalb wird jeder Journalist anders entscheiden. Und das Gewissen des Publikums wird ihm nicht immer folgen.

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