Gewaltvideos : Vom Panini-Bild zum Porno-Film

Eine neue Studie zeigt: Gewaltvideos auf dem Handy sind beliebte Tauschobjekte auf dem Schulhof. Fast die Hälfte der Schüler haben bereits ein solches Video gesehen.

Simone Schellhammer
Gewaltvideo
Trophäensammlung. Aufnahmen von Schlägereien sind beliebte Tauschobjekte. -Foto: Keystone

Etwa jeder dritte Jugendliche hat bereits einmal ein Gewalt- oder Pornovideo auf einem Handy angeschaut. Zu diesem Ergebnis kommt die Stuttgarter Medienforscherin Petra Grimm, die diese Woche ihre Untersuchung „Slapping, Bullying, Snuffing! Pornografie und Gewalt auf Handys von Jugendlichen“ auf einer Fachveranstaltung der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein vorstellte.

Bei der Untersuchung geht es sowohl um selbst aufgenommene Filme, bei denen Mitschüler verprügelt oder heimlich auf der Toilette gefilmt werden, als auch um Videos aus dem Internet, die Enthauptungen, Vergewaltigungen, Sodomie oder Pornografie mit Kindern zeigen. Kamera-Handys mit hoher Speicherkapazität, mit denen nicht nur Fotos gemacht, sondern ganze Filme gedreht werden können, machen dies möglich.

Mehr als 90 Prozent aller Zwölf- bis 19-Jährigen besitzen ein eigenes Handy, knapp zwei Drittel davon eines, mit dem sich multimediale Inhalte abspielen lassen. Für Grimms Studie wurden 804 Jugendliche in dieser Altersgruppe befragt. 93 Prozent von ihnen wissen demnach, dass es solche Handyvideos gibt, 43 Prozent haben sie selbst schon einmal gesehen. „Bei den über 16-Jährigen sind es 50 Prozent. Männliche Hauptschüler sind dabei überdurchschnittlich vertreten“, sagte Grimm.

Die Medienforscherin erklärte, wie bedeutsam für viele Jugendliche das eigene Handy ist: „Es ist nicht nur Statussymbol, sondern wird auch wie ein privater Schatz empfunden, wie ein Tagebuch oder sogar wie ein eigenes Körperteil.“ Auf die Frage, warum sie solche Videos auf dem Handy haben, antworteten die fünf Prozent, die den Besitz zugaben, meist: „Weil ich sie mir immer und überall ansehen kann“, „zum Angeben“ und „um andere zu schocken“. Nicht zuletzt werden die Filme auch im Freundeskreis wie Trophäen weitergereicht und getauscht. „Was früher die Fußballbildchen waren“, sagt Grimm, „sind heute diese Videos.“

Die Experten, die anschließend auf dem Podium die Ergebnisse diskutierten, waren nicht verwundert über diese Entwicklung. Christian Böhm, der beim Hamburgischen Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung für Gewaltprävention zuständig ist, sagte, dass das Thema vor zwei Jahren in den Schulen angekommen sei. Rund 20 Fälle von „Happy Slapping“ würden bei seinem Institut jährlich gemeldet. Martin Pinkerneil von www.handysektor.de, einem gemeinschaftlichen Projekt der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen und des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, das Jugendliche über die sichere Nutzung von Handys und Internet informiert, sah Handlungsbedarf bei Eltern und Lehrern: Viele Eltern wüssten gar nicht, was ihre Kinder auf den Mobiltelefonen gespeichert hätten und wie mittels kabelloser Bluetooth-Funktion Videos mühelos von Handy zu Handy überspielt werden könnten.

Umstritten waren auf dem Podium generelle Handyverbote an Schulen oder technische Sperrungsmöglichkeiten. Denn natürlich können Gewaltvideos auch außerhalb des Schulhofs getauscht werden und Konfigurationen, die die Bluetooth-Funktion oder den Internetzugang ausschalten, sind zwar als Kindersicherung sinnvoll, ersetzen aber nicht die Gewaltprävention im Vorfeld, wenn es darum geht, diesen Jugendlichen Empathie beizubringen.

Friedemann Schindler von www.jugendschutz.net berichtet, wie mühsam es ist, die jugendgefährdenden Inhalte im Internet aufzuspüren. Im Auftrag der Jugendministerien suchen die Mitarbeiter das Netz ab. „Unsere Rechercheure halten das nicht länger als eine halbe Stunde aus“, sagt Schindler, „denn das ist eben echte Gewalt und keine virtuelle.“

In einem war man sich auf dem Podium einig: Die Schulen seien nun aufgefordert, sich dieses Themas anzunehmen, sei es durch erlebnispädagogische Angebote oder Projektwochen, in denen positive Handyvideos hergestellt werden. „Doch dafür braucht es eindeutig mehr Geld vonseiten der Politik“, sagt die Stuttgarter Medienwissenschaftlerin Grimm.

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