Medien : Gib mir meinen Zorn zurück

Die Arte-Dokumentation „Get up Stand up“ begleitet die Geschichte politischer Protestsongs

Thomas Thiel

Ein möglicher Anfang um 1900: In der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung entdeckt der schwedische Immigrant Joe Hill die Musik als Medium politischer Einflussnahme. Melodien sind eingängiger als Parolen. Sie formen zur emotionalen Gemeinschaft. Über den Folk kommt der Protestsong in die Popmusik. Seitdem gehen Politik und Pop eine offene Beziehung ein, intensiver meist in politischen Krisenzeiten. Die Botschaft bleibt immer die gleiche: „In unserem Namen dürft ihr das nicht tun.“

In ihrer sechsteiligen Arte-Reportage „Get up Stand up“ zeichnen Hannes Rossacher und Rudi Dolezal die Geschichte von Pop und Politik nach. Sie behandeln Vietnam, die amerikanische Bürgerrechtsbewegung und das Apartheidsregime in Südafrika.

Die Urszene der Protestmusik ist Vietnam. „Die E-Gitarre wird hier zur Waffe“, sagt Patti Smith. Beispielsweise in Woodstock, wo Jimi Hendrix die amerikanische Nationalhymne in Sirenentöne und Schmerzensschreie zerlegt, um die Selbstzerfleischung seiner eigenen Nation zu zeigen. Oder in Kalifornien, wo Pete Seeger den Protestsong aller Protestsongs schreibt: „We shall overcome“. Zehntausende Studenten ziehen ihm nach, die Radiostationen verbieten auf staatliche Vorgabe die Ausstrahlung.

Später, in den elektronischen Fiktionen des Golfkriegs, fällt es schwer, die sinnlichen Eindrücke zu Melodien zu formen. Eine von der US-Regierung beeinflusste Medienmaschine schiebt sich als Filter zwischen sinnliche und informationelle Realität. Einzig Zack de la Rocha von „Rage against the machine“ wirkt da in seiner Maschinenwut noch auf der Höhe des Geschehens.

Die Verbindung von politischem Intellekt und Musikprotest verläuft nicht immer symbiotisch. Vieles geht aneinander vorbei. Das gilt leider auch für Rossachers und Dolezals Reportage. Aus der Unzahl ihrer Interviewpartner kann keiner den integralen Zusammenhang zwischen Pop und Protest so recht erhellen: „Es gab irgendwie eine Koinzidenz zwischen politischem und musikalischem Tempo“, erklärt Jack Lang, der französische Ex-Kulturminister. „Irgendwie gab es eine Stimmung für Revolten", sekundiert Daniel Cohn-Bendit, der Berufsrevolutionär. Da müssen viele Fragen offen bleiben: Wie konnten so simple Songs wie „We shall overcome“ eine derartige Massenwirkung entfalten? Welche Einseitigkeiten und blinden Flecke kannte der Pop-Protest?

Atemlos jagt „Get up Stand up“ von deutschen zu französischen zu amerikanischen Protestschauplätzen und nimmt sich keine Zeit, Songs und Bilder wirken zu lassen. Die historischen Hintergründe bleiben Schlaglichter, Politik gibt es nur als Binsenweisheit. Bilder, Worte und Lieder finden so nicht zueinander. Dabei könnten sie sich gegenseitig am besten erklären.

„Get up Stand up“: Arte, 22 Uhr 30 (Teil 1 und 2).

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