Medien : „Gibt’s hier eine versteckte Kamera?“

Uwe Kockisch kann es kaum fassen: Er spielt den Commissario Brunetti in den Venedig-Krimis von Donna Leon

Annette Schmiede

Dieser Mann sieht aus wie – Brunetti. Dunkle Haare, braune Augen, schwarzer Bart. Ein echter Italiener!? Aber Uwe Kockisch, der jetzt den Commissario Brunetti in den ARD-Verfilmungen der Donna-Leon-Krimis spielt, ist Berliner.

Da wohnt er (in Friedrichshain), und da lebt er (in Prenzlauer Berg). Wohnen, sagt er, ist bei ihm getrennt von Leben. Jetzt gerade, in einer Trattoria in Prenzlauer Berg, lebt er. Und das italienische Ambiente, so ahnt man, hat eine Menge damit zu tun. Nach den zweimal drei Monate währenden Dreharbeiten in Italien hat der ehemalige DDR-Starschauspieler neue Wurzeln geschlagen. Vielleicht will er sogar bald richtig nach Venedig ziehen, wie schon die Kollegen Bruno Ganz und Ulrich Tukur.

Brunetti, Commissario in Venedig, hat also aus dem Preußen Kockisch – so nennt er sich selbst – mehr als nur einen Italien-Fan gemacht. Schokofarbenes Polohemd, warme Stimme, erzählt Kockisch ausführlich und gestenreich von seiner Entdeckung: Italien eben. Schenkt dabei den Frauen im Lokal gern mal einen langen Blick. Ihm gefällt, natürlich, die Lebensart: „Meine Güte, was habe ich denn zum Beispiel jahrelang hier gegessen?!“ Oder die sozialen Strukturen, die Familie; dass seiner Beobachtung nach dort Alte und Kinder ganz besonders geliebt und geachtet werden.

Dabei liegt diese Begeisterungsfähigkeit von Uwe Kockisch, trotz seiner äußeren Erscheinung, überhaupt nicht in der Familie. Kaum zu glauben – geboren ist Kockisch in Cottbus. Ausgerechnet.

Und wollte, nachdem er wegen Fluchtversuchs eine so genannte „politische Strafe“ in der DDR abgebüßt hatte und sich mit 17 als Nachtpförtner und Hilfsheizer durchschlug, möglichst schnell weg.

Nach der Ausbildung an der Berliner „Hochschule für Schauspiel Ernst Busch“ spielt er in der DDR auf allen großen Bühnen und in Film und Fernsehen. Nach der Wende, nach 27 Jahren Theater, hat er irgendwann genug von den Brettern. Nicht, weil die Faszination weg ist, sondern weil ihm da plötzlich zu viel „Entertainment“ mitschwingt.

„Theater als Laufsteg“, sagt er, „das mag ich nicht. In der DDR, in einer beschränkten Gesellschaft, hatte das Theater eine andere Funktion: Da gab es eine zweite Sprache, die die Leute verstanden. Weil es nicht in der Zeitung stand, bemühte man sich auf der Bühne um Informationen, wollte das vermitteln, was nicht ausgesprochen werden durfte. Man glaubte sich nützlich für den Zuschauer.“ Familie? Die hat ihn damals eher gebremst. Das Theater war für ihn quasi ein Lebensmittel – so wichtig wie Essen und Trinken. Weil die Maskerade im Leben draußen so primitiv war, fand für ihn das wirkliche Leben auf der Bühne statt. Auch heute noch hütet er sich vor zu viel Öffentlichkeit. So wird man ihn und seine um Jahre jüngere „Freundin und Gefährtin“, die Schauspielerin Franziska Petri, auch nicht in den bunten Blättern finden und ungern nur in den einschlägigen Talkshows.

Schon als junger Schauspieler beim Film hat er gelernt, dass das Kostüm eine eigene Sprache hat, so sehr, dass man sogar Texte streichen kann. Und so hat er als Brunetti zuerst nach einem neuen Kostüm für den neuen, für seinen Commissario verlangt, den bis dahin Joachim Król gespielt hatte. Übrigens ist es Kockisch ganz lieb, mal nicht einen Kommissar in Deutschland zu spielen. „Ich muss mich endlich nicht um Ost und West kümmern – diese ewigen Himmelsrichtungen gehen einem doch auf den Keks.“ Brunetti also: Diesen Commissario gibt es exklusiv nur im deutschen Fernsehen, Produzentin Katharina Trebitsch hat Donna Leon, der amerikanischen Autorin, die Filmrechte abgekauft. Und die schaut sich ihre deutschen Brunettis genau an. Das Team ist deutsch-italienisch, aber den Commissario, das hat Leon verfügt, darf kein Italiener spielen.

Warum, das weiß auch Uwe Kockisch nicht, aber es gefällt ihm. Geheimnisse, und das gilt für ihn beim Spiel wie im Leben, haben etwas Beflügelndes. Das Schlimmste sei doch, sein Ideal zu erreichen. Denn was könnte einen dann noch antreiben? Deshalb hat er Brunetti ganz bewusst eine dunkle Seite gegeben, die er auch in den Romanen findet: Depressionen etwa, nervige Launen. Denn Brunetti hat ja sein Ideal gefunden, er lebt in der idealen Stadt schlechthin – mit der es immer weiter bergab geht: Sie zerfällt, und sie ist zutiefst korrupt. „Das muss ihn doch depressiv machen. Aber irgendwie haben diese Depressionen auch wieder was sehr Komisches. Manchmal denke ich: Ist er nun das dritte Kind in der Familie?“ Hauptdarsteller der Reihe ist für Kockisch ganz klar – Venedig. „Gegen diesen Ort anzuspielen“, sagt er, „das geht ja gar nicht. Man muss ihn benutzen. Und je mehr ich Venedig kennen lerne, umso mehr wird sich auch Brunetti noch verändern.“ Die delikaten Strukturen dort kennt er schon. Nachdem man ihn beim Gemüsehändler und im Café mit einem echten venezianischen Grafen gesehen hat, behandeln die Venezianer Kockisch plötzlich wie einen der Ihren – einen Einheimischen. Etwas unheimlich ist ihm dieses unausgesprochene Einverständnis doch. „Aber, bei wem ich auch lande, wem ich vorgestellt werde, es gibt in Venedig dann immer noch ein Vorzimmer und noch eins. So beschreibt das auch Donna Leon.“ Venedig – Traum der Millionen von Touristen, die auch Uwe Kockisch schon ein paar Mal innerlich verflucht hat, wenn sie laut und halb nackt vor ihm durch die Straßen liefen. Dann hat er sich selbst ermahnt, war erschrocken, wie borniert er schon sein kann, wie selbstverständlich das alles für ihn bereits ist. Genau das ist ja die Gefahr, sagt er: Träume, die wahr werden, Wünsche, die in Erfüllung gehen.

Nach ein paar Monaten Drehzeit ist für ihn dieses „Leben im Museum“ ganz alltäglich. Er wohnt im Palazzo des Grafen Marcello, wacht auf in der Renaissance. Und kann das trotzdem nicht ganz uneingeschränkt genießen: „Wenn es mir gut geht, denke ich oft: Gibt’s hier eine versteckte Kamera? – Ich brauche lange, um etwas so zu nehmen, wie es ist.“ Italien, das war auch mal sein ganz persönlicher Traum. In den 60er Jahren hat er in Chemnitz im „Diener zweier Herren“ gespielt, Schauplatz: Venedig. Das Ensemble hat sich das gemeinsam vorgestellt: Rialtobrücke, Markusplatz – ohne Chance, jemals dahin zu kommen. Später hätte er bei Gastspielen im Westen bleiben können, aber da waren ja noch seine zwei kleinen Söhne. Nach der Wende nahm er sich vor, zwei Monate am Stück durch Italien zu reisen, von Palermo bis nach Venedig. Aufgehoben hatte er sich das. Und dann, plötzlich, kam dieses Angebot: Brunetti zu machen.

„Was ist Brunetti?“, hat Kockisch erst mal den Regisseur Sigi Rothemund gefragt. Und guckte, ob alle „drei wichtigen Dinge beim Film“ denn auch stimmen würden: Drehbuch, Drehbuch – und das Drehbuch. Mittlerweile sagt er über Brunetti: „Ich mag den ganz gern. Aber zwischen uns soll ruhig noch etwas Distanz bleiben.“ Wenn er in ein paar Monaten wieder zu neuen Dreharbeiten nach Venedig fährt, wird sich Kockisch vorbräunen. Sonst ist selbst für ihn der Unterschied zu groß – zum Brunetti.

„Donna Leon: Feine Freunde“: 20 Uhr 15, ARD

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