Medien : Glauben, Wissen, Hoffnung

Joachim Huber

War Hagen Boßdorf Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit oder war er es nicht? Die Prüfungskommisson des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) sagt, der Chefredakteur Fernsehen habe ihr gegenüber "glaubhaft" darlegen können, dass er nicht als IM tätig gewesen sei. Auch die Unterlagen der Birthler-Behörde gäben keine andere Richtung vor. Es bleibt bei der Karteikarte, nach der Boßdorf als IM "Florian Werfer" geführt worden ist. Nach Interpretation der Kommission habe die Stasi augenscheinliches Interesse an Boßdorf gehabt, Boßdorf aber nicht an der Stasi. Deswegen das entlastende Votum. Boßdorf wird für den ORBweiterarbeiten. Der Journalist sagte dem Tagesspiegel, er sei "natürlich erleichtert".

Wer in den Potsdamer Sender hineinhört, hört einen gemischten Chor. Die einen plädieren auf Freispruch aus Mangel an Beweisen, andere zeigen sich sehr skeptisch: "Da kommt noch was nach." Wie unabhängig könne, außerdem, eine Kommission entscheiden, der außer einem Kirchenvertreter noch der Personalchef und der Personalratsvorsitzende des Senders angehören? Eine dritte, überwiegende Fraktion im Funkhaus hält die Schuldfrage für erledigt, ist empört, dass ORB-Mitarbeiter pauschal unter Stasi- Verdacht stünden. Eine Überprüfung jage die nächste, "während beim SFB nicht eine einzige stattfindet". Mit um so größerer Befriedigung wird vermerkt, dass die ARD-Intendanten einstimmig hinter Boßdorfs Wahl zum ARD-Sportkoordinator stehen.

Am Fall Boßdorf zeigt sich, wie sehr jede Spekulation um die Stasi-Nähe eines Mitarbeiters alte Diskussionen und Einschätzungen wiederbelebt. Es wird schnell persönlich, Neid über manche flinke Karriere im Sender, wie jene des 36-jährigen Boßdorfs, beeinflusst die Meinung. Nicht, dass die Stasi-Frage jeden Tag auf jedem Tisch liegt, und doch wirft sie an vielen Tagen einen Schatten auf die Marlene-Dietrich-Allee.

Die Senderspitze hält ihre Linie, wie sie Intendant Hansjürgen Rosenbauer zieht: Überprüfen der Programm prägenden und leitenden Mitarbeiter, selbst bei erwiesener Stasi-Tätigkeit gilt die "zweite Chance". Es sei unklug und unmenschlich, Menschen "in das Gefängnis ihrer Vergangenheit einzusperren."

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