Medien : Gleicher als gedacht

Tiroler Bauern gegen türkische Migranten – Kampf der Kulturen im „Tatort“ aus Österreich

Barbara Sichtermann

„Mir san freie Tiroler Bauern seit 1511“, sagt Klaus Larcher (Martin Leutgeb), Patriarch von Telfs, Österreich, wo die Stimmung nicht so gut ist, denn mitten im Ort erhebt sich ein Minarett. Und im Wald steht ein Baum an einer Lichtung, der hat einen starken niedrigen Ast, an dem schon vier Lebensmüde ihren letzten Atemzug getan haben, drei von ihnen türkische Mädchen, die einer Zwangsverheiratung entgehen wollten. Auch die Türken von Telfs haben dieses „Mir san mir“ an sich. Sie sind zwar keine freien Bauern seit 1511, aber genauso dickköpfig wie diese und kaum kompromissbereit, wenn die Töchter nicht parieren. Und nun hängt Ayse Ozbay am „Baum der Erlösung“; ihr Tiroler Freund wird erst vermisst, dann tot aufgefunden. Aus Wien eilt Inspektor Eisner (Harald Krassnitzer) herbei, um den Fall zu bearbeiten.

Von Anfang an hat Drehbuchautor Felix Mitterer die beiden Milieus – Tiroler hier, Türken dort – so gezeichnet, dass die Ähnlichkeiten dieser Gruppen, die glauben, dass es nichts gibt, was sich so stark unterscheidet wie sie, ins Auge springen. Patriarch Larcher sagt sich von seinem Sohn Christian los, als der mit einer Türkin geht. Er hat noch einen älteren Sohn, Georg, der denkt wie er: „Wenn wir uns mit denen vermischen, löschen wir uns aus.“ So ein Minarett im Ort ist schlimm genug. Der freie Bauer weiß: „Das sind doch alles Fanatiker.“

Und die Muslime? Sie ertragen es ihrerseits nicht, wenn ihre Mädchen mit Tirolern gehen. Und wenn die Eltern mal weich werden, ziehen die Söhne, die Brüder härtere Saiten auf. Familienvater Kazim Ozbay (Tayfun Bademsoy), noch in Trauer um seine Ayse, will die jüngere Melisa, die mit Christian die nächste Romeo-und-Julia-Konstellation bildet, rasch in die Türkei schaffen und sie dort „mit einem guten Mann“ verheiraten, damit alles beim Alten und das Türkentum intakt bleibt. Inzwischen hat Eisner herausgefunden, dass Ayse sich nicht etwa selbst erhängt hat, sondern dass er hier vor der Aufklärung eines Doppelmordes steht. So wie das Feld dramaturgisch bereitet wurde, kann der Mörder aus jedem der beiden Milieus stammen. Die Leidenschaften, wenn es um Bindungen ihrer erwachsenen Kinder geht, sind bei den katholischen Bauern und bei den muslimischen Zuwanderern gleich heftig, gleich fremdenfeindlich und gleich vorgestrig. Die Frage, die schon Shakespeare die Eltern von Romeo und Julia am Grabe ihrer Kinder stellen ließ, lautet: Was muss noch alles passieren, damit die Clan-Chefs, ob nun freiheitsdurstige Tiroler oder muslimische Minarett-Erbauer, hinzulernen?

Harald Krassnitzer als Sendbote einer schon weiter entwickelten Zivilisation wandert unter der behutsamen Regie von Harald Sicheritz ruhig und doch aufs Schlimmste gefasst durch die Milieus und am Ende sogar durch die Berglandschaft, immer auf der Suche nach der Wahrheit hinter all den Parolen und Bezichtigungen. Sein Assistent, ein in der Moderne angekommener Türke (Tim Seyfi), der von seinen Landsleuten ähnlich angefeindet wird wie von den Einheimischen, verkörpert den Konflikt in einer entschärften Form. Es geht nicht mehr um Leben und Tod, aber um Identität und Würde, und manchmal gibt es noch eine blutige Nase. Dieser Polizist ist die wichtige Figur zwischen den Kulturen, die sich im Spagat nicht nur abmüht, sondern auch stolz darauf ist, ihn auszuhalten. Er ist der zukunftsfähige Immigrant, der er selbst bleibt, während er sich anpasst – nicht an das spätmittelalterliche Bauerntum, sondern an eine Zivilisation, die das Fremde willkommen heißt. Barbara Sichtermann

„Tatort: Baum der Erlösung“, ARD, 20 Uhr 15

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