Medien : „Glücklich? Unglücklich? Ich bin skeptisch“

Margarethe von Trotta hat ihren ersten „Tatort“ gedreht. Ein Gespräch über Fernsehphobie und 88 Minuten

Frau von Trotta, waren Sie überrascht, als der HR Sie fragte, ob Sie für ihn einen „Tatort“ drehen wollten?

Eigentlich nicht. Es gab schon einige Anfragen in diese Richtung – zum Beispiel für „Bella Block“ oder für „Sperling“. Ich war eher von mir selbst überrascht, dass ich dieses Mal angenommen habe.

Warum haben Sie denn all die schönen Angebote abgelehnt, nach denen sich viele Ihrer Kollegen die Finger lecken würden?

Ich wollte nicht in eine Serienecke gerückt werden. Ich gebe zu, es ist eine gewisser Hochmut von mir, mich nie einordnen lassen zu wollen. Aber so ist nun einmal mein Charakter. Dann haben mich die beiden verantwortlichen Damen des HR besucht, und wir hatten einen wunderschönen Tag zusammen. Ich habe mich darauf eingelassen, wenigstens das Exposé zu lesen. Und siehe da: Es passte einfach alles zusammen.

Morgen wird gesendet. Sind Sie mit dem Ergebnis glücklich und zufrieden?

Glücklich? Nein, glücklich bin ich nicht. Aber auch nicht unglücklich. Ich bin skeptisch. Aber das bin ich immer, wenn es um meine eigenen Filme geht.

Haben Sie Ihrem „Tatort“ Ihren Trotta-Stempel aufdrücken können?

Das versuche ich bei jedem meiner Filme. Aber es ging in diesem Fall nicht darum, aller Welt zu beweisen, dass ich alles anders mache als alle anderen. Ich wollte ganz einfach gesagt etwas machen, was mir und der Geschichte entspricht, die erzählt werden soll.

Und was entspricht Ihnen?

Mir entspricht, eine Geschichte von innen nach außen zu erzählen und nicht umgekehrt. Ich kümmere mich zuallererst um die inneren Befindlichkeiten der Menschen, um die es geht. Das Unsichtbare drängt nach außen. So ist es auch in meinem „Tatort“.

Haben Sie viel am Drehbuch geändert?

Ich habe hier und da eingewirkt. Die ursprüngliche Geschichte ist aber in ihren Grundzügen erhalten geblieben.

Ziemlich am Ende des Films kommt eine Ärztin zu Wort, die ganz lakonisch von Verletzungen des Kindes, um das es auch geht, berichtet. Eine brutale Szene. Ist das Ihre Handschrift?

Das bin ich. Ein anderer hätte sicher viel mehr die Kamera oder anderes bewegt, um diese Szene aufzumotzen. Genau das wollte ich nicht. Die Szene sollte brutal unter die Haut gehen und nicht kitschig- sentimental werden. Das durfte nicht sein. Deshalb habe ich auch Therese Affolter für diese Szene engagiert. Sie spielt das, was ich mir vorgestellt habe, ganz hervorragend.

Hätten Sie Ihren „Tatort“, wenn Sie gekonnt hätten, gerne ganz anders besetzt?

Das Grundpersonal steht und kann nicht verändert werden. Damit musste ich leben. Für mich war es eine interessante Herausforderung, einmal die Hauptrollen nicht selbst besetzen zu können. Das kenne ich ja sonst so nicht.

Worauf hätten Sie gerne verzichtet, wenn Sie hätten verzichten dürfen?

Na ja, zum Beispiel auf die üblichen Szenen im Kommissariat mit Besprechungen und Hänseleien zwischen Chefs und Kommissaren. Aber das muss sein, daran geht kein Weg vorbei. Ich hatte ja noch meinen Spaß dabei, für mich war es das erste Mal, dass ich solche Polizeidialoge verfilmen musste. Mir tun nur die armen Schauspieler leid, die das immer wieder mitmachen müssen, Film für Film.

Lässt Sie das Massenmedium Fernsehen kalt?

Einmal saß ich mit Ingmar Bergman, den ich sehr bewundere, in der Jury eines Film-Festivals und habe mich bei ihm darüber beschwert, dass es so schwer sei, Kinofilme zu machen. Bergman hat gesagt, na, dann mach doch Fernsehen. Hast du auch mehr Zuschauer. Das war 1990.

Wann haben Sie es geschafft, Ihre Fernsehphobie zu überwunden?

Es hat dann noch sieben Jahre gedauert, ehe ich mich zum Fernsehen durchringen konnte. Ich habe aber sehr schnell gemerkt, dass auch das Fernsehen einen sehr fordert, wenn nicht sogar noch mehr als der Film. Erstens weil das Geld knapper ist und zweitens weil die Umstände nicht immer die Besten sind. Heute finde ich, dass Fernsehen eine gute Alternative zum Kino ist.

Einen guten Fernsehfilm kann man also immer machen, egal unter welchen Umständen?

Man muss. Und es geht. Die einzige Einschränkung beim Fernsehen, die mir nicht gefällt und an die ich mich auch nicht gewöhnen werde, ist die Begrenzung auf längstens 88 Minuten. Da könnte ich mir mehr vorstellen. Aber leider: unmöglich.

Ist das Fernsehen heute mächtiger als das Kino?

Auch der sogenannte neue deutsche Film hat doch schon mit dem Fernsehen zusammengearbeitet. Wir waren immer schon mit dem Fernsehen verbandelt, es gab nur ganz wenige Filme, die ohne Fernsehgelder auskamen. Der Unterschied zu damals ist, dass heute das Fernsehen der starke Partner ist, der den Ton angibt. Da hat sich etwas umgekehrt. Ich kann Kinofilmmacher schon verstehen, die das nicht so schön finden.

Sie haben sich im Presseheft zu „Unter uns“ sehr freundlich über das echte SEK-Team geäußert, das mitgemacht hat. Haben Sie ein Faible für harte Jungs?

Was glauben Sie, wie es aussieht, wenn Sie ein SEK-Team von Komparsen spielen lassen? Furchtbar. Das geht überhaupt nicht. Mit echten Komparsen wäre ich verzweifelt. Die echten SEK-Männer dagegen sind schon so an die Arbeit mit dem Fernsehen gewöhnt, dass sie inzwischen richtig gute Kleinstdarsteller sind. Mit denen kann man arbeiten. Die haben das großartig gemacht. Sie können auch keine erfolgreichen Manager von Komparsen spielen lassen. Die haben einfach nicht das entsprechende Auftreten. Zum Verzweifeln, kann ich Ihnen sagen.

Apropos Verzweiflung: Hätten Sie den Frankfurter Kommissaren nicht wenigstens ein bisschen das Lachen beibringen können? Humor kann doch nie schaden – gerade wenn’s wehtut.

Was wollen Sie? Andrea Sawatzki lächelt doch hin und wieder, trotz des schweren Stoffs. Und das hat sie von mir.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

„Tatort: Unter uns“, Sonntag, ARD, um 20 Uhr 15

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