Götz George : Rebell, Aufmucker, Sonderling

Als Krimi nur mäßig spannend, aber auf jeden Fall eine wundervolle Hommage: Mit der "Schimanski"-Folge "Schicht im Schacht" huldigt die ARD Götz George zum 70. Geburtstag.

Christian Schröder
George Foto: WDR
Götz George vermisst heute im Fernsehen starke "Tatort"-Kommissare wie Schimanski. -Foto: WDR

Schimanski schläft schlecht. Unruhig wälzt er sich hin und her, breitet die Arme aus und träumt: vom Fliegen. Im Traum gleitet er auf einem Drachensegler durch den Himmel. Unter ihm liegt sein Revier, der Ruhrpott mit qualmenden Schloten und rostenden Zechen. Schimanski lacht und winkt. Dann fällt er aus dem Bett, seine Freundin kommt ins Zimmer und fragt: „Was machst du denn da auf dem Boden?“

So beginnt „Schicht im Schacht“, eine neue Folge aus der Reihe „Schimanski“. Seine berühmte Jacke, einen hellgrauen Militärparka mit übergroßen Taschen, trägt der Held immer noch, aber er ist alt und müde geworden. Den Polizeidienst hat er quittiert, er schlägt sich als Privatdetektiv durch und hat seine Krankenversicherung verloren, niemand muss ihm erklären, was Hartz IV bedeutet. Schimmi, der Proletarier unter den deutschen Fernsehkriminalisten, gehört jetzt zu den Absteigern. Aber wenn an einem stillgelegten Hochofen eine Frauenleiche im Brautkleid gefunden wird, beginnt er natürlich zu ermitteln.

„Schicht im Schacht“ (Regie: Thomas Jauch, Buch: Jürgen Werner) ist der 15. Fall, den Schimanski löst, seitdem er 1997 auf den Bildschirm zurückgekehrt ist. Vom „Tatort“ hatte er sich 1991 nach 29 Folgen spektakulär mit einem Sprung von einem Hochhaus und einem Gleitflug über das Ruhrgebiet verabschiedet, bei dem er lachend „Scheiße“ rief. Die Traumszenen am Anfang von „Schicht im Schacht“ stammen aus diesem Abschied. „Scheiße“, dieses Kraftwort hatte in den achtziger Jahren zu Schimanski gehört wie sonst nur seine Jacke. Damals beschwerten sich Zuschauer über „Fäkalsprache“, „miese Obszönitäten“ und „Primitivität“ des TV-Kommissars, Rundfunksratssitzungen debattierten über die Beschwerden, die „Bild“-Zeitung wetterte: „Der Ruhrpott kocht: Sind wir alle Mörder und Trinker?“ Schimanski polarisierte, zum Volkshelden stieg er erst nach Anlaufschwierigkeiten auf.

„Schicht im Schacht“, als Krimi nur mäßig spannend, ist eine wunderbare Hommage. Gehuldigt wird Schimanski, dem unverbesserlichen Macker, und Götz George, seinem Darsteller, der am Mittwoch 70 Jahre alt wird. Eine aus Nostalgie und Melancholie gemischte Stimmung liegt über dem Film. Der Tod des Mädchens im Brautkleid hängt mit einem Mord zusammen, den Schimanski vor zwanzig Jahren nicht hat aufklären können, deshalb springt die Handlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her.

Schimanski trinkt das Bier immer noch aus der Dose, „Steak kann ich mir nicht leisten“, sagt er und isst stattdessen eine Currywurst, die Gespräche mit den Zeugen führt er am liebsten an einer Trinkhalle. Zwischendurch sieht man körnige Schwarz-Weiß-Aufnahmen von den Protesten gegen die Schließung des Krupp- Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen 1987.

Schimanskis altes Milieu, das Arbeiterklassen-Ruhrgebiet der achtziger Jahre, gibt es nicht mehr. Ein Rebell und Aufmucker ist Schimanski geblieben, aber mehr noch wirkt er heute wie ein Sonderling. Manchmal fährt er mit seinem alten Kumpel Hänschen (Chiem van Houweninge) zum Angeln. „Ihr seid ja wie ein altes Ehepaar“, lästert Hunger dann, der junge Kommissar (Julian Weigend). Doch die Angelszenen kommen nicht über bemühten Altherrenklamauk hinaus. Hänschen kann Thanner nicht ersetzen, Schimanskis Widerpart aus den „Tatort“-Jahren. Eberhard Feik, der 1994 starb, hatte Thanner als Dienstweg-Einhalter und Überzeugungsbürokraten gespielt, von dessen Pedanterie sich Schimanskis Hang zum Anarchismus umso deutlicher abhob. In Jeans und Sweatshirt wie Schimanski wäre Thanner unvorstellbar gewesen. Er bevorzugte gut gebügelte Zweireiher und Hans-Dietrich-Genscher-haft gelbe Pullunder. Legendär der Seufzer, mit dem er immer wieder den aufbrausenden Schimanski beruhigte: „Mensch, Horst!“

„Schicht im Schacht“, da verneigt sich die ARD endgültig vor Hauptdarsteller George, beginnt beinahe genauso wie Schimanskis allererster Auftritt. Auch am Anfang von „Duisburg Ruhrort“, erstmals ausgestrahlt im Juni 1981, muss der Held nach einer durchzechten Nacht mühsam auf die Beine kommen. Er steht in Unterwäsche in seiner verdreckten Wohnung, kratzt sich am Hintern, aus dem Kassettenrekorder dröhnt „The Leader of the Pack“ von den Shangri-Las. Dann sucht er zwischen lauter leeren Bierflaschen etwas Essbares und findet zwei Eier. Doch die Bratpfanne in der Spüle ist hoffnungslos verkrustet. Also nimmt er ein Glas, schlägt die Eier hinein und trinkt sie.

Die Szene hatte Götz George improvisiert. Nachdem sie sechs Mal wiederholt worden war und der Darsteller zwölf rohe Eier geschluckt hatte, musste er sich übergeben. In einem Interview hat George gerade geklagt, dass es keine guten „Tatort“-Kommissare mehr gebe: „Einen so starken Charakter, wie ihn die Autoren der Figur Schimanski aufgedrückt haben, sehe ich heute bei niemandem.“ Natürlich ist das Selbstlob, aber George hat trotzdem recht. So radikal, wie Schimanski in den achtziger Jahren war, ist heute längst kein Fernsehbulle mehr.

„Schimanski – Schicht im Schacht“, ARD, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben