Medien : Goldener Maulkorb

Zoff beim „Spiegel“ wegen des neuen Geschäftsführers

Ulrike Simon

Die Berufung des Juristen Mario Frank zum Geschäftsführer des Spiegel-Verlags löst in der Hamburger Brandstwiete Irritationen aus. Der Nachfolger von Karl Dietrich Seikel, 59, ist Geschäftsführer des Dresdner Druck- und Verlagshauses, an dem Gruner + Jahr mit 40 Prozent beteiligt ist. G + J wiederum ist mit 25,5 Prozent Gesellschafter des Spiegel-Verlags.

Die Frage, die manche umtreibt, seitdem sie die Neuigkeit am Montagvormittag von Seikel erfuhren, lautet: Wie kann es sein, dass jemand die Geschäfte des führenden deutschen Nachrichtenmagazins, einst „Sturmgeschütz der Demokratie“, leiten soll, der „wegen Einschränkung der redaktionellen Unabhängigkeit und journalistischen Qualität“ den „Goldenen Maulkorb“ verliehen bekam? Mit dem Preis prangerte die Deutsche Journalistenunion 2001 Franks Entscheidung an, die Lokalredaktionen der „Sächsischen Zeitung“ in eigenständige GmbHs auszugliedern.

Mit Hilfe eines „Headhunters“ soll die Mitarbeiter KG auf Mario Frank gekommen sein – was Thomas Darnstädt, Sprecher der mit 50,5 Prozent am Spiegel-Verlag beteiligten Mitarbeiter KG, nicht bestätigen will. Während Seikel für seine Nachfolge renommierte Verlagsmanager und Kenner des Zeitschriftengeschäfts vorgeschlagen hatte, setzte sich die Mitarbeiter KG mit Mario Frank durch. Sie konnte auf die Zustimmung des Mitgesellschafters G+J setzen, ist Frank doch ein renditeorientierter G+J-Zeitungsmann. Darnstädt weigerte sich am Mittwoch auf Anfrage, zu erläutern, welche Qualifikationen für Frank sprechen. Der 48-Jährige war Vertriebsleiter der „Hamburger Morgenpost“, bevor er Geschäftsführer der G+J-Kaufzeitungen und dann Geschäftsführer in Dresden wurde. Kaum einer kennt ihn – das gilt auch für die faktisch bei solchen Entscheidungen machtlosen Erben Augsteins.

Gerade äußerte deren Sprecher Jakob Augstein, er hoffe, der Verlag werde künftig mit „kräftigeren Händen“ geführt. Unter Seikel, den viele als zu schwachen Widerpart von „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust kritisieren, sei zu wenig investiert worden. 2005 fuhr die Spiegel-Gruppe bei 322 Millionen Euro Umsatz einen Rekordgewinn ein. Statt ihn an die Gesellschafter, also vor allem die Mitarbeiter, auszubezahlen, sollte der Verlag seine wirtschaftliche Abhängigkeit vom „Spiegel“ mindern und in Neuentwicklungen und Akquisitionen investieren, meint Augstein. Was Frank plant, will er erst nach hundert Tagen im Amt, also nicht vor Frühjahr 2007, verraten. Bald darauf dürfte die Frage nach der Aust-Nachfolge laut werden. Wie man hört, favorisiert die Mitarbeiter KG an Stelle eines starken Chefredakteurs eine Doppelspitze.

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