''Goodbye Deutschland'' : Wir sind dann mal kurz weg

Die Deutschen wandern aus, und das Fernsehen wandert mit.

Lisa Wandt
Goodbye
Nach Miami ausgewandert: Nicole Thöne und Sören Brückner. -Foto: Vox

Wer regelmäßig Vox, Kabel 1 oder RTL sieht, dem drängt sich unweigerlich ein Gedanke auf: Vielleicht ist Hartz IV ja deshalb so erfolgreich, weil die Arbeitslosen alle weggehen. Nach Amerika. Nach Thailand. Nach Neuseeland. Woanders soll es Arbeit ohne Ende geben, hoffen die Fernseh-Auswanderer. Und: „Arbeit wird woanders besser bezahlt als in Deutschland“ – also auf nach Irland, wie der Computerspezialist Oliver am Donnerstag in „Mein neues Leben“ auf Kabel 1verkündete. Am Mittwoch lernte Stella in „Auf und davon“ auf Vox, dass sich die Maoris in Neuseeland mit den Nasen küssen. Und am Dienstag kämpfte die alleinerziehende Mutter Christiane Timme von Spanien aus mit deutschen Bürokraten (ebenfalls Vox).

Es vergeht im deutschen Fernsehen kaum ein Tag, an dem Deutschland nicht verlassen wird. Das Prinzip: Job doof. Oder Deutschland doof. Stirn gerunzelt. Plan gefasst. Koffer gepackt. „Deutschland ade“ (ARD). Alle Reality-Dokus begleiten Menschen, die ihrer Heimat den Rücken kehren. Für immer. Oder vorerst. Das erfährt der Zuschauer nicht, bereits nach den ersten Wochen werden die Auswanderer allein gelassen. Zu gern wüsste man ja, was aus den Karssemeijes geworden ist. Er ist ein 32-jähriger Holländer und Seemann, sie eine 28-jährige Deutschpolin und Fremdsprachensekretärin. Voller Tatendrang, aber ohne Plan haben sie das bayerische Peißenberg für die Karibik verlassen. Warum? Er: „Das Wetter ist da schön, die Leute sind schön, alles geht gemütlich zu.“Auf Curacao war dann plötzlich nicht mehr alles so schön, wie „Goodbye Deutschland“ zeigte. Ein Taxifahrer haute sie übers Ohr, und das erste Vorstellungsgespräch verlief ernüchternd. Womöglich war es nicht die klügste Entscheidung, im Bikini einen Job zu suchen. Aber wer richtig auf die Nase fällt, lernt bekanntlich am besten – und der Fernsehzuschauer gleich mit.

Noch scheint er sich an den Auswanderern nicht sattgesehen zu haben. Jede Geschichte findet durchschnittlich eine Million Zuschauer, das sind rund acht Prozent der werberelevanten Gruppe der 14- bis 49-Jährigen. Vielleicht liegt es an der Nähe zur Realität: Im ersten Halbjahr 2007 haben rund 155 000 Deutsche ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Schon seit drei Jahren ist der Drang nach draußen so hoch wie seit den 50er Jahren nicht mehr, nach einer neuen Umfrage würde jeder fünfte Deutsche gerne „Auf und davon“ (Vox) gehen.

Zwar kann man den Sendungen ihre aufklärerische Funktion nicht absprechen; der Zuschauer erfährt vor allem, was alles schiefgehen kann und dass ein Plan schon sinnvoll ist, bevor man in der Heimat alles aufgibt. Aber mehr eben auch nicht, weil nur die ersten Wochen dokumentiert werden. Vox & Co. bedienen vor allem das Fernweh der Zuschauer. Und natürlich die Neugier, durch Nachbars Schlüsselloch schielen zu können. Reality-Dokus sind schon seit längerem beim deutschen Publikum beliebt. Von der Wohnzimmercouch lässt es sich bequem ins Fäustchen lachen, wenn der Karibikalltag anders aussieht als ein Dauerurlaub.

In kürzester Zeit zerplatzen große Träume: Sören und Nicole aus Potsdam stellen in „Goodbye Deutschland“ fest: In Amerika ist man „ohne Kreditkarte ja der totale Loser“ – wie gemein! Da ahnt der Zuschauer schon: Zwischen den zwei Turteltauben, die sich gegenseitig nur mit „Mausemami“ und „Mausepapi“ anreden, wird es bald krachen. Vielleicht hätte Sören vorher richtig Englisch lernen sollen.

Am liebsten würde man laut rufen: Pass auf, Kasperl, hinter dir lauert der Teufel. Und man ist sich sicher, dass die Fernsehmacher für den Seelenstriptease zahlen. Nein, heißt es bei Vox, keine Gagen, lediglich eine „Aufwandsentschädigung“. Irritationen werden von den Sendern dankend angenommen, sie machen ja den Unterhaltungswert aus. „Wir suchen keine Jobs oder Häuser, wir halten uns da zurück“, erklärt Vox-Autorin Susanne Bourier. Probleme müssten die Leute schon alleine lösen. Für eine Geschichte werde etwa zwei Wochen gedreht. Auswandern am Fließband.

Gemein ist allen Sendungen ein Missverständnis: Ständig ist die Rede vom Auswandern, auch wenn niemand wirklich auswandert. In dem Begriff „Auswandern“ steckt vor allem das Endgültige und Unumkehrbare – eine Entscheidung fürs Leben. In Zeiten von Billigflügen und Ikea gibt es das aber nicht mehr. Man kann schon mal eben auswandern. Und schnell wieder zurückwandern.

„Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“, Vox, 20 Uhr 15

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