Google : Erst machen, dann fragen

Es war Googles ehrgeizigstes Projekt: Die Digitalisierung aller gelisteten Buchtitel, eine digitale Welt-Bibliothek. Google Books ist aber auch ein typisches Beispiel für die Arroganz des Internetriesen.

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Das Digitalisierungsprojekt Google Books hat vorerst einen Dämpfer erlitten.
Das Digitalisierungsprojekt Google Books hat vorerst einen Dämpfer erlitten.Foto: dpa

Zum Takt eines Metronoms soll Google-Gründer Larry Page eigenhändig einen 300-Seiten-Wälzer umgeblättert haben, Seite um Seite. Mit diesem Experiment wollte der Google-Gründer im Jahr 2002 herausfinden, wie lange es dauern würde, ein ganzes Buch zu scannen. Und: Wie viel würde es kosten, die 32 Millionen im Einheitskatalog WorldCat gelisteten Buchtitel zu digitalisieren? Das Ergebnis lautete: Ein Buch zu scannen dauert 40 Minuten. Und es kostet viel. Viel zu viel.

So weit die Unternehmenslegende von den Anfängen von Google Book Search. Das Buchdigitalisierungsprojekt sollte Googles „Mondlandung“ werden; ein Projekt so wahnwitzig, so ambitioniert, dass es niemand für möglich hielt.

Das Unternehmen setzte sich selbst einen Zeitrahmen von zehn Jahren für dieses Projekt. Der Stand heute: Seit 2004 wurden über 12 Millionen Bücher digitalisiert. Eine 2008 ausgehandelte Abmachung mit den US-amerikanischen Autoren und Verlagen schien nun auch die letzten rechtlichen Hindernisse auszuräumen. Google sollte für die Kopierrechte aller in den USA registrierten Titel 125 Millionen US-Dollar bezahlen und die Urheber an den Gewinnen beteiligen, und gut ist.

Nichts ist gut, befand der New Yorker Richter Denny Chin. Die Abmachung sei weder „fair noch angemessen oder zumutbar“ urteilte er und kippte den Deal am vergangenen Mittwoch.

Die Krux an dem Fall liegt in seiner Klassifikation als „class-action“-Prozess. Die gefällte Entscheidung wäre bindend für alle Autoren. Das heißt: Google könnte nach der richterlichen Zustimmung zu dem Vergleich jeden in den USA registrierten Buchtitel digitalisieren und im Netz veröffentlichen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.

Damit sei dann auch endlich das Problem der "verwaisten Bücher" gelöst, jubelten die Befürworter. Bücher, die nicht mehr im Handel erhältlich sind, deren Urheber zudem unbekannt oder nicht auffindbar sind, würden endlich der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dank Google.

Ein Anliegen, für das der Richter auch durchaus Verständnis hatte. Er verwies aber auf die Zuständigkeit des Gesetzgebers, dieses Problem zu lösen.

Das Gericht bemängelte auch die Vormachtstellung, die Google durch die Vereinbarung erlangen würde. Google verweist in der Öffentlichkeit zwar gerne auf sein erklärtes Ziel, das „Wissen der Welt verfügbar“ zu machen. Tatsächlich hat sich Google aber beim Teilen der digitalisierten Schriften mit der Konkurrenz schon immer eher von der geizigen Seiten gezeigt. Der Open Content Alliance (OCA), der auch Microsoft angehörte, ist Google beispielsweise nie beigetreten, obwohl sie ein ähnliches Ziel verfolgte – die Digitalisierung aller Druckwerke. Google bevorzugte den Alleingang und ließ die Suchmaschinen-Konkurrenz schon bald weit hinter sich.

Den Bibliotheken wiederum war das nicht unrecht. Google erwies sich schlichtweg als der zuverlässigere, mächtigere, stärkere Partner.

2004 begann Google damit, die Bücher der Universitätsbibliotheken von Harvard, Stanford, Oxford und der New York Public Library einzuscannen, zumeist unbedenkliche Werke bei denen das Urheberrecht abgelaufen war. Larry Pages Alma Mater, die University of Michigan, gewährte sogar vollen Zugang zum vollen Bestand, insgesamt über sieben Millionen Titel. Der damaligen Präsidentin, Mary Sue Coleman versprach Page, dass sein Unternehmen diese Bücher in sechs Jahren digitalisieren könnte. Die Universität hatte zuvor ausgerechnet, dass sie dafür 1000 Jahre brauchen würde.

Ende 2007 hatte Google 28 Universitäten als Partner gewonnen, nicht nur in den USA. Die Wissenszentren waren starke Verbündete, die sich immer wieder hinter Google stellten und das Unternehmen auch gegen rechtliche Bedenken verteidigten. Lawrence Lessig, ein Stanford-Juraprofessor soll gesagt haben: „Wann in der Geschichte der Menschheit hat das Gesetz eine Erlaubnis eines Autors oder Verlegers dafür verlangt, dass seine Arbeit in einem Bücherverzeichnis aufgenommen wird?“

Im Gegensatz zur Konkurrenz hatte Google also die guten Kontakte, den nötigen Größenwahn, das Kapital und das Durchhaltevermögen den Traum von der digitalen Weltbibliothek zu verwirklichen. Im Gegensatz zur Konkurrenz hielt sich Google auch nicht lange mit rechtlichen Fragen auf.

Googles Lösung für alle Probleme sah so aus: Im August 2005 setzte das Unternehmen eine Deadline für Autoren und Verleger, die gegen das Kopieren ihrer Werke Widerspruch einlegen wollten. Binnen eines Quartals sollten die Betroffenen eine Liste mit den entsprechenden Titeln vorlegen. Die Autorengilde reagierte auf diese "unschuldige Arroganz" des Internetriesen mit der ersten Klage. Die Verleger setzten kurz darauf mit einer zweien Klage nach.

Die Verleger störten sich vor allem daran, dass Google mit den fremden Inhalten Geld verdienen würde. Google ziele darauf ab, den Verkehr auf den eigenen Seiten zu erhöhen, um dann höhere Anzeigenpreise zu verlangen, so der Vorwurf. Die Verleger verlangten ihren Anteil am Kuchen. Genau dieser Streit sollte mit dem ausgehandelten Vergleich beigelegt werden.

Das so genannte "opt-out"-Verfahren sollte aber bestehen bleiben. Es gibt den Urhebern weiterhin die Möglichkeit, gegen die digitale Veröffentlichung durch Google Einspruch zu erheben. Auch Ansprüche auf Gewinnbeteiligung können jederzeit geltend gemacht werden. Der US-Richter fand das angesichts der Tragweite der Entscheidung trotzdem nicht akzeptabel. Er rief die Parteien dazu auf, einen "opt-in"-Entwurf auszuarbeiten. Es bleibt also dabei: Google muss in jedem Einzelfall mit den Rechteinhabern verhandeln. Wenn der Deal nicht zustande kommt, darf der Online-Dienst nur "snippets", also kleine Buchschnipsel, veröffentlichen.

Es ist diese "erst machen, dann fragen"-Attitüde, die Google-Gegner regelmäßig zur Weißglut treibt.

Beispielhaft dafür war auch die "Datenpanne" bei Google Street View. Die Google Fahrzeuge haben während ihrer Tour nämlich nicht nur Straßenzüge und Sehenswürdigkeiten fotografiert, sondern auch - ganz nebenbei - Daten aus ungesicherten W-Lan-Netzen gesammelt. Frankreichs Datenschutzbehörde CNIL hat den Internetriesen dafür jüngst zu einer Rekordstrafe verurteilt.

Auch in diesem Fall fragt man sich unwillkürlich: Was hat sich Google dabei gedacht? Möglicherweise gar nichts. In Fragen des Datenschutzes und des Urheberrechts legt der Konzern immer wieder eine schier unglaubliche Naivität an den Tag. Wenn Google eine Vision, ein Ziel hat, prescht es darauf zu. Probleme und Hindernisse existieren im Googleversum höchstens in technischer Hinsicht. Damit stößt der Internetkonzern vor allem in Europa immer wieder auf Widerstand. So auch geschehen bei Google Book Search.

Das Urteil aus New York dürfte neben einigen betroffenen europäischen Verlegern vor allem die die Konkurrenz freuen - darunter der Online-Buchhändler Amazon, der e-Books-Anbieter Apple und der Suchmaschinen-Betreiber Microsoft.

Verloren haben diejenigen, die gehofft hatten, dass ihre alten Werke digital neu aufgelegt werden würde - und nachträglich Gewinne ausspucken würden. Und dann gibt es noch die, die den Verlust der verwaisten Bücher für die Weltöffentlichkeit betrauern.

Mancher reagierte mit Häme auf die "Ohrfeige", sie sich Google-Chef Page durch den richterlichen Schiedsspruch einfing. Doch es ist höchst unwahrscheinlich, dass Google seine Pläne nun verwerfen wird. Auch Autoren und Verlage haben ein Interesse daran, den Deal mit Google unter Dach und Fach zu bringen.

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