Medien : Google ist gar nicht so groß

Zeitungsmacher beim „Printgipfel“ kämpferisch

Felix Serrao

Michael Grabner war schon minutenlang auf seinem Stuhl herumgerutscht. Dann, endlich, durfte der stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Holtzbrinck losschimpfen: „Solche Filme hängen mir zum Hals raus – es wird immer dümmer und dümmer!“ Gemeint war das aktuelle Einspielfilmchen der 20. „Medientage München“. Darin wird orakelt, dass die Internetfirmen Google und Amazon in zehn Jahren als „Googlezom“ die Medienwelt dominieren, während Zeitungen wie die „New York Times“ offline zum „Mitteilungsblatt für die Älteren und Eliten“ verkommen. Auch sonst gab es beim „Printgipfel“ am Donnerstag jede Menge Streit.

Johannes von Bismarck, Manager der Finanzfirma Veronis Suhler Stevenson, musste sich gleich zu Beginn als Insekt titulieren lassen: „Wie schmeckt der Heuschrecke das Zeitungspapier?“, fragte Moderator Frank Thomsen vom „Stern“. Die amerikanischen Investoren hatten 2005 und ’06 erst den Berliner Verlag und dann die „Hamburger Morgenpost“ gekauft. „Sehr gut, danke“ lautete die anfangs freundliche Antwort des Finanzmannes; „MoPo“ und „Berliner Zeitung“ gehe es gut, man denke sogar über Neustarts nach, etwa eine Sonntags-„MoPo“. Dann schoss er zurück: Die anwesenden Verleger und Journalisten säßen mit ihrem Zukunftsoptimismus im Elfenbeinturm. Ulrich Reitz, Chefredakteur der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ drohte Bismarck: „Nicht Sie werden Ihre Leser austauschen, Ihre Leser werden Sie austauschen.“ Reitz wies die Warnung als „völlig ungerechtfertigt“ zurück. Auch Grabner nannte Bismarcks Sicht „kurzfristig“. Der deutsche Markt sei nicht mit den USA vergleichbar. Hier würden immer noch 76 Prozent der Bevölkerung eine Zeitung lesen . Auch die anwesenden Regionalverleger Hermann Balle („Straubinger Tagblatt“) und Richard Rebmann („Schwarzwälder Bote“) beschworen ihre Zukunftsfähigkeit. Rebmann wies darauf hin, dass lokale Rubriken-Märkte keineswegs auf Nimmerwiedersehen ins Internet verschwunden seien: „Wir haben den lokalen Markt, nicht Scout.de“.

Wer über Print diskutiert, darf das meistgelesene Blatt der Republik nicht unerwähnt lassen. „Bild“ war zwar nicht beim „Printgipfel“ am Donnerstag dabei, dafür aber am Vorabend zum Thema „Welterklärer“ geladen. Rolf Kleine, Leiter des Parlamentsbüros der „Bild“, saß dort neben Edelfedern wie „SZ“-Chefredakteur Hans Werner Kilz und Konstantin von Hammerstein („Spiegel“). Kritik musste Kleine sich zwar auch anhören; wegen der „Kampagne“ gegen die Praxisgebühr oder weil Franz Josef Wagners Kolumnen mitunter arg verstrahlt seien. Doch davon abgesehen scheint das einstige Schmuddelkind im Kreise der Familie angekommen zu sein. Man dutzte sich, lachte über Branchenkalauer und stand hinterher noch einträchtig beisammen. Am deutlichsten wurde die neue Satisfaktionsfähigkeit des Boulevard, als Kilz dem „Kollegen Kleine“ beschied, die Seite zwei der „Bild“ besitze den „Charakter eines Leitmediums“ – „das ist journalistisch gut gemacht!“ Selbst die legendären „Streiflicht“-Autoren schauten sich dort ab und zu ihre Ideen ab. Kleine sah schon vorher zufrieden aus, in diesem Moment verschränkte er die Arme hinterm Kopf.

Doch zurück zum weniger kuscheligen „Printgipfel“. Dort wurde es zum Schluss noch einmal bunt bis blümerant, je nach Standpunkt. „Gruner + Jahr“-Zeitschriftenvorstand Bernd Buchholz stellte seine Vision des modernen „Printjournalismus“ vor: „Ich denke an eine audiovisuelle Kochschule, Einkaufszettel aufs Handy, plus das Heft zum Thema.“ Das alles verkaufe man als „Media Package“. Die ersten journalistischen Esspakete kündigte Buchholz für 2007 an.

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