Medien : Gorillas in Boston

Endlich wieder Kanzlei-TV: Vox startet nach „Ally McBeal“ neue Anwaltsserie

Till Frommann

Wäre „Boston Legal“ ein Dokumentarfilm über Tiere, würde man Gorillas dabei zusehen können, wie sie sich unentwegt auf die Brust schlagen. Es ist aber kein Tierfilm, sondern eine neue Vox-Serie über Anwälte. Und eine großartige, temporeiche, humorvolle und spannende dazu, man schaue sich nur den Einstieg in der ersten Folge an. Edwin Poole, der Seniorpartner der Anwaltskanzlei „Crane, Poole & Schmidt“, tritt selbstbewusst in den Raum, in dem gerade die Mitarbeiterkonferenz seiner Kanzlei stattfindet – leider hat er vergessen, eine Hose anzuziehen. Nervenzusammenbruch! Poole wird in eine Heilanstalt eingewiesen, und die Strukturen der Bostoner Kanzlei geraten ins Wanken. Juniorpartner Brad Chase leitet eigentlich das Anwaltsbüro in Washington, bleibt jedoch, weil ohne ihn alles den Bach runtergehen würde.

Und damit beginnen die Gorilla-, pardon: Anwaltsmachtkämpfe: Chase und Anwalt Alan Shore kommen nicht miteinander klar, das zeigen beide überdeutlich. „Ich bin ein großer Fan Ihrer Rasierwasserwerbespots“, begrüßt Shore den Neuzugang – und das lediglich, weil dieser so geleckt aussieht und den Prototyp eines Anwaltes verkörpern könnte. Die Sticheleien hören nicht auf, es geht um „territoriale Ansprüche“. Alphatier der Kanzlei ist Denny Crane – grandios gespielt von William Shatner, bekannt geworden in der Rolle als James Tiberius Kirk, dem Captain von „Raumschiff Enterprise“. „Das ist mein Reich, meine Stadt – ich bin Denny Crane“, röhrt der Leithammel. Außerdem protzt Crane, in Chicago den besten Sex seines Leben gehabt zu haben. Könnten Gorillas sprechen, gäben sie Ähnliches von sich.

Die Fälle der Anwaltskanzlei sind teilweise sehr skurril. Eine Frau verklagt ihren Verlobten, weil er am Traualtar „Nein“ gesagt hat. Eine afroamerikanische Mutter verklagt den Produzenten eines Musicals, weil ihre Tochter angeblich nur nicht auf Grund ihrer Hautfarbe die Hauptrolle bekommen habe. Die deutlich jüngere Frau eines Großklienten der Kanzlei geht fremd – ein schwieriger Fall, weil Macho Denny Crane dabei nicht ganz unbeteiligt ist. Überhaupt Crane! William Shatner wurde für diese Rolle 2005 mit einem „Golden Globe“ sowie 2004 und 2005 mit einem „Emmy“ ausgezeichnet.

Skurril sind auch die Andeutungen, dass es sich lediglich um eine Fernsehserie handelt: „Dich habe ich in dieser Folge noch gar nicht gesehen“, sagt eine der Figuren, wie man es auch aus der österreichischen Krimi-Kultserie „Kottan ermittelt“ kennt.

„Boston Legal“ ist ein Spin-Off, eine Weiterführung der Serie „The Practice“, die ebenfalls von Autor David E. Kelley konzipiert wurde. Kelley arbeitete tatsächlich vor seiner Karriere als Drehbuchautor im Anwaltsmilieu in Boston. Weitere erfolgreiche Serien von ihm: „Picket Fences“ und „Ally McBeal“. Im Unterschied zu „McBeal“ ist „Boston Legal“ weniger frauenaffin. Stichwort: Zickenterror. Bei „Boston Legal“ sind es die Männer, die urwaldartige – also männertypische Verhaltensweisen – an den Tag legen. Denny Crane sagt am Ende der ersten Folge: „Weißt du, was das Schlimmste am Älterwerden ist? Dass man nachlässt. Eines Morgens wachst du auf, und bist ein Niemand, doch was mich angeht: Ich bin eine Legende. Ich bin bekannt in dieser Stadt. Anwälte fürchten mich seit Jahren.“ Das hätte Schauspieler William Shatner ganz ähnlich gesagt haben können, bevor er mit „Boston Legal“ wieder zu neuem Glanz erstrahlte. Davor war er nämlich eigentlich nur noch ein abgehalfterter Star-Trek-Star, der sich etwas auf seine Captain-Kirk-Glanzrolle eingebildet hatte. Nein, das ist wirklich nicht „Gorillas im Nebel“, sondern eine Anwaltsserie. Eine großartige dazu.

„Boston Legal“, Vox, 22 Uhr 05

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