Medien : Gott Gerd

Michael Geffken

Die Apotheose, die Gottwerdung eines Menschen – meist eines Herrschers –, war bis in den Zeiten des Barocks ein beliebtes Bildmotiv der europäischen Kunst. Die deutsche Wahlkampfwerbung hat sich dieses Motivs immer wieder gerne bedient. Ob Konrad Adenauer, Willy Brandt oder Helmut Kohl – sie alle wurden in den Wahlkampagnen der Spätphase ihrer Regierungszeit dargestellt als einsame, von der Last der Verantwortung beschwerte Staatenlenker – weit entfernt vom Schlachtenlärm der Tagespolitik; Inszenierungen, die auf einem Platz im Himmel der Geschichte zielen.

Auch Gerhard Schröder hat dieses Stadium jetzt erreicht. Die drei Plakatmotive, mit deren Vorstellung SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel für seine Partei am vergangenen Donnerstag die zweite Phase des Wahlkampfs einläutete, zeigen den Kanzler seltsam entrückt – den Blick seiner wasserblauen Augen in eine undefinierte Ferne gerichtet; dieser Blick trifft kein Gegenüber mehr: keinen Kauder, keinen Gabriel, keine Roth und keine Pieper. Hier hat jemand das große Ganze im Blick.

Frisur und Kleidung sind makellos, die Farben sorgfältig komponiert. Der Hintergrund ist monochrom, der konkrete Ort, die konkrete Situation sind nicht mehr zu entschlüsseln – ähnlich wie beim goldenen Hintergrund einer Ikone.

Nur auf dem Plakat zum Thema „Soziale Gerechtigkeit“ kommt etwas Leben in die Inszenierung. Das Jackett ist abgelegt, die Hemdsärmeligkeit demonstriert Kampfeslust. Auch die Faust wird geballt; bemerkenswert: Am Ringfinger dieser Faust ist – wenn auch verschwommen – der Ehering zu erkennen. Das Signal ist klar: Dieser Herrscher ist ein gerechter Familienvater, und er kämpft dafür, dass sein Reich – eines fernen Tages – ein Reich der Gerechtigkeit sein wird.

Stammt das Motiv der Apotheose eigentlich aus der griechischen Mythenwelt, so treten beim Plakat zum Thema „Frieden“ christlich-protestantische Momente hinzu: „Wer Frieden will, muss standhaft sein“, sagt der Kanzler auf diesem Plakat, und man denkt unwillkürlich an Martin Luther.

„Hier stehe ich, und ich kann nicht anders“, soll der gesagt haben; dieser Satz könnte auch über der Wahlkampfstrategie der Sozialdemokraten stehen. Da steht ein Kanzler im Zentrum der Kampagne, der keine Chance hat. Er weiß das, aber er kann nicht anders.

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