Medien : Gottes Werk, RTLs Beitrag Eine Schönheits-OP als Fernseh-Schnippelshow

Barbara Sichtermann

„War das alles?", hat Michaela die Natur gefragt, als sie zwanzig geworden war und immer noch einen recht kleinen Busen hatte. Die Natur sagte Ja. Und Michaela auch. Sie sagte Ja zu einer Brustvergrößerung bei Dr. Hecker unter Anwesenheit von RTL. Körbchengröße B soll es werden, „eine gute Hand voll“.

In einem Videoclip hat sich Robbie Williams für seine Fans die Haut vom Leib gerissen. Nacktheit genügt nicht mehr, man will in den Körper hineinschauen. Dieser maximalinvasive Voyeurismus entwickelt sich parallel mit der nanotechnologischen Unterwanderung menschlicher Blutgefäße und Organe durch Minisonden und -pumpen. Die Reise ins leibliche Ich steht auf der Agenda, und das Fernsehen muss natürlich dabei sein.

RTL im OP-Saal war ganz erschüttert von seiner eigenen Tabulosigkeit. Es rettete sich in den moralischen Diskurs und in medizinische Kniffligkeiten. „Darf man Gott ins Handwerk pfuschen?“ „Ist nicht ein halb abgelöster Brustmuskel lebenslang belastend?“ Aber man wurde dann schon auch ein wenig ungeduldig. „Wie lange wird es dauern, bis wir den ersten Schnitt sehen?“

Wir sahen mehrere. Zu unserem Schaden? Immer wenn mal wieder eine Grenze überschritten wird, wenn hier also ein Schnitt ins Fleisch und rinnendes Blut nicht fiktiv und aufgemalt, sondern echt sind und live, stellt sich die Frage, ob man das dürfe: stundenlang auf Brüste starren, die gewalkt, geschnitten, gedrückt und aufgepolstert werden und dabei in immer runderer Schönheit den Bildschirm füllen? Ach, das Publikum hat schon genug Titten gesehen, es kennt sich aus. Auch den Ärzten schadet so eine Übertragung nicht, im Gegenteil, die ist eine prima Werbung. Und der Sender kann stolz als Erster eine Schnippelshow präsentieren, er ist im Gespräch.

Alles paletti also? Kein Grund zur Aufregung? Halt, da ist ja schließlich noch Michaela. Um sie fürchtete man in der Tat. Denn die Live-OP an ihrer Brust wurde von einem aufgeregten RTL-Fuzzi derart zugetextet, dass man um die Konzentration der Doktoren wahrlich fürchten musste. „Kann ein Silikonkissen das Selbstwertgefühl ersetzen? Das ist doch die große Frage, die im Raum steht“, keuchte das Fernsehen. Und dabei soll der Chirurg nun seine Millimeterarbeit tun! Zumal die Grünkittel, angesteckt vom Fernsehen, ihrerseits drauflos palaverten wie nichts Gutes und man nur hoffen konnte, dass die arme Michaela außer Silikon nicht auch noch ein Operationsbesteck in ihrem Busen findet. Als dann die Tat vollbracht war und sich eine Sekunde andächtigen Schweigens einstellte, musste RTL gleich wieder mit seinem angelesenen Wissen rausplatzen: „Wie groß ist die Gefahr einer Nachblutung?“

Immerhin, die moralische Nachblutung rund um die Live-OP dürfte sich in Grenzen halten.

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