Medien : Grand Prix d’Eurovision de la Chanson

Jörn Wöbse

FERNSEHMUSEUM

„Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie.“ Sagt Beethoven, aber der war voreingenommen. Sein Zeitgenosse Heine war ganz anderer Ansicht: „Die Musik ist heutzutage/Wohl der Menschheit größte Plage.“ Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, der in diesem Jahr seine 48. Auflage erlebt: Fans stellen Erdnuss-Locken, Käse-Igel und bunte Cocktails bereit, der Feingeist wendet sich mit Grausen.

Begonnen hat alles 1956 im lieblichen Lugano. Die Idee, das Medium Fernsehen für einen Sangeswettstreit europaweit zusammenzuschalten, stieß zunächst nicht überall auf Gegenliebe. Immerhin nahmen schon sieben Länder mit je zwei Liedern (!) teil, erste Siegerin war Lys Assia aus der Schweiz. Gnädigerweise verschweigen die Annalen das Abschneiden der deutschen Beiträge. Nur so viel: Einer kam von Freddy Quinn; der Name des zweiten deutschen Sängers* wäre bei Jauch mindestens eine Million Euro wert.

Schon damals verpassten die Verantwortlichen dem Event ein Regelkorsett, das zwar beinahe jedes Jahr verändert wurde, immer aber von beeindruckender Strenge war. Schließlich muss gerade die leichte Muse mit großer Ernsthaftigkeit (Nicole! „Ein bisschen Frieden“) gepflegt werden! Aus dieser Fallhöhe dürfte auch der stetig wachsende Erfolg des GPdE zu erklären sein: Glamouröser Trash in großer Robe.

Und das nationale Ego durfte ohne schlechtes Gewissen ’rausgehängt werden: Erst durch den GPdE wissen wir, wo die Freunde deutschen Kulturguts sind – in Spanien und Portugal. Von dort gibt es nämlich regelmäßig die meisten Punkte. Über unsere Gegner wollen wir schweigen, stattdessen die Völkerfreundschaft zu Malta preisen, deren Gnadenpunkt für „Stone & Stone“ nie vergessen werden wird. Heute Abend geht’s in Kiel wieder los – Vorentscheidung.

*Lösung: Es war Walter Andreas Schwarz mit „Im Wartesaal zum großen Glück“.

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