Gratisblätter : Zeitungskrieg in der Schweiz

In den Städten der Schweiz tobt ein Zeitungskrieg: Bis zu sechs Gratisblätter buhlen täglich um Leser.

René Zipperlen

Die Schweizer müssen ein leseverrücktes Volk sein oder ihre Verleger kampfwütig. Ab Herbst werden in Städten wie Basel, Zürich oder Bern bis zu sechs tägliche Gratisblätter um Leser und Anzeigen kämpfen. Im Radsport würde man von einem Ausscheidungsrennen sprechen: Es wird Verlierer geben müssen.

Der jüngste Vorstoß heißt etwas gewollt „.ch“ und wird ab 19. September erscheinen. Positionieren muss er sich gegen Branchenführer „20 Minuten“ („Tagesanzeiger“-Herausgeberin Tamedia), die noch junge Abendzeitung „heute“, die Wirtschaftspostille „Cash Daily“ (beide von Ringier) und lokale Blätter wie den „Baslerstab“ (Basler Zeitung Medien). Und am Belagerungsring wird unter Hochdruck gearbeitet: Vor wenigen Tagen hat die Basler Zeitung Medien mit der Zürcher Tamedia und der Berner Espace Media, deren Übernahme durch Tamedia gerade die Kartellwächter prüfen, ihrerseits eine neue Pendlerzeitung angekündigt. Das noch namenlose Produkt soll aber keine reine Abwehrmaßnahme sein: "Es ist nicht kurzfristig angelegt", sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer. „Es wird völlig unabhängig von ,.ch' und dessen Entwicklung lanciert." Dann buhlen etwa in Basel sechs Gratiszeitungen um Anzeigenkunden und Leser unter den 190 000 Einwohnern und 90 000 Einpendlern.

Vorbild für alle ist „20 Minuten“, das seine Leser wieder um 13 Prozent auf 1,17 Millionen steigern konnte – und deren Werbeeinnahmen 2006 mit 144 Millionen Franken weit über der „Neuen Zürcher Zeitung“ (106 Millionen) oder dem Boulevard-Blatt „Blick“ (67 Millionen) liegen. Die neue „.ch“ startet mit einer Kampfauflage von 425 000 Exemplaren. Die Konkurrenz reagierte schnell: Fünf Tage nach dieser Bekanntgabe Mitte Juni kündigte Tamedia an, die „20 Minuten“-Auflage um ein Viertel auf 550 000 Exemplare zu steigern.

Hinter „.ch“ steckt Sacha Wigdorovits, der schon zur Gründungsmannschaft von „20 Minuten" gehörte, von dessen Verlag Tamedia aber ebenso im Unfrieden schied wie später von Ringier, wo er den Chefsessel des „Blick“ für kurze Zeit bekleidete. Wigdorovits hat eine Austria-Connection als Investoren um sich geschart: Den ehemaligen Holtzbrinck-Vize Michael Grabner, die Medienholding Moser, Verleger Eugen Russ und den (Schweizer) Phonak-Gründer Andy Rhis. „Und ich selbst habe natürlich auch investiert.“

Wigdorovits, aber auch Tamedia/Basler Zeitung wollen Qualitätsblätter in den Markt bringen. Während „20 Minuten“ wie auch „heute“ eher Boulevardhäppchen liefern, sollen jeweils rund 30-köpfige Redaktionen (die sich bei „.ch“ auffällig stark aus „Blick“- und Tamedia-Leuten rekrutiert) „relevante Nachrichten“, Sport und Regionales zum Druck freigeben. Der Clou bei „.ch“: Das Blatt wird an 35 000 Haushalte bis sieben Uhr morgens verteilt. Vertriebspartner ist eine Tochter der Schweizer Post.

Der Umbruch im Schweizer Markt vollzieht sich rasant. Das zeigt nicht zuletzt die Einstellung der Magazine „Facts“ (Tamedia) und „Cash“ (Ringier), das als Gratiszeitung weitergeführt wird. Die Kaufzeitungen verlieren durch die (eigene) Konkurrenz, gibt Tamedia zu. Branchenkenner sprechen von etwa zehn Prozent Abo-Verlusten insgesamt. Doch Gratisblätter erschließen neue Leser: In Zürich nahm die Reichweite von Zeitungen seit 2000 um 30 Prozent zu, für Anzeigenkunden eine wichtige Größe. „Wir gehen davon aus, dass die Pendlerzeitung den Medienverbund und das Anzeigengeschäft insgesamt stärkt“, sagt Tamedia-Sprecher Zimmer. Vorausgesetzt, die Konkurrenz stirbt früher. René Zipperlen

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