Medien : Gratiszeitungen: Gut, besser, gratis

Annika Ulrich

Ja, es gibt sie immer noch: Leute, die angewidert im Gang stehen bleiben, weil der Sitzplatz in der Bahn schon besetzt ist von einer einsamen Gratiszeitung. Manchmal geht dann ein Gezeter wegen dem angeblichen Müllberg los. Aber das Gezeter bekommt kaum noch jemand mit - denn die ganze Bahn liest.

Vor 16 Monaten hat Köln die Lesewut gepackt. Eines Morgens standen an jeder Ecke Metallkästen für die drei aus dem Boden geschossenen Gratiszeitungen: "20 Minuten Köln" vom norwegischen Verlag Schibsted, der "Kölner Morgen" von DuMont Schauberg und das Springer-Blatt "Köln Extra". Seitdem sind die Verteilerkästen überall: In den U-Bahn-Schächten, an den Straßenbahn- und Bushaltestellen, in der Universität - über 1000 Stück insgesamt. Und nach einigen Anlaufschwierigkeiten greifen die Kölner jetzt von sich aus zu. 300 000 mal am Tag klappern die Deckel der Zeitungskisten.

Die Gratiszeitungen haben sich eine schwierige Zielgruppe ausgesucht: die sogenannten "Nichtleser". Lesemuffel also, die kein Zeitungs-Abo besitzen und auch am Kiosk keine Mark übrig haben für Lesestoff. Doch die kostenlosen Blätter haben sie da gepackt, wo sie am verwundbarsten sind: bei ihrer Langeweile. In der Bahn, beim allmorgendlichen Pendeln, wenn es kein Entkommen gibt bis zur nächsten Haltestelle, kann man plötzlich all diejenigen lesen sehen, die sonst immer mit leeren Händen dasaßen und aus dem Fenster stierten: Nun sind die einstigen Lesemuffel vertieft in Nachrichten oder in die Eheprobleme der High-Society. Auch wer eine klassische Zeitung dabei hat, für die er bezahlt hat und die allein deshalb schon in einer anderen Liga spielt, bedient sich am Kasten und holt sich sein Gratis-Blatt zusätzlich auf den Schoß. Seit es die kostenlosen Zeitungen gibt, lesen in Köln täglich mehr als 80 Prozent aller Menschen eine Tageszeitung. Das ist mehr als in jeder anderen deutschen Großstadt.

Man muss die Gratisblätter ja nicht besonders ernst nehmen. Das tut man beim Friseur ja auch nicht, wenn man die Regenbogenpresse liest. Klar könnte man sich aufregen über Rechtsschreibfehler, fade Überschriften, fehlende Satzteile, und, noch schlimmer, fehlende Recherche. Tut man aber nicht. Denn die Gratiszeitungen sind geschenkt, und geschenkten Gäulen schaut man nicht ins Maul. Früher sagte man: Was nichts kostet, ist nichts. Heute sagt man: Dass es nichts kostet, macht nichts.

Dass sich in Köln die Verlage vor Gericht darum streiten, ob Gratiszeitungen nicht eigentlich verboten werden müßten, dass zwei von drei Blättern nur als Abwehrmaßnahmen auf den Markt geworfen wurden, damit der norwegische Schibsted-Verlag keine Monopolstellung bekommt, dass keines der Blätter bisher Gewinn macht - es ist den Pendlern in den Bahnen egal. Bis auf die Farbe unterscheiden sich die Blätter ohnehin kaum, und wenn es doch mal verschiedene Meinungen zum selben Thema gibt, dann liest man sie eben alle drei. Lange dauert das ohnehin nicht, der Titel "20 Minuten Köln" beispielsweise ist Programm. Die Politikseiten sind aus Agenturmeldungen zusammengeschustert, der Lokalteil besteht zum Großteil aus Polizeimeldungen und Mitteilungen der Stadtverwaltung. Interessant wird es ohnehin erst weiter hinten: Da gibt es jeden Tag das vollständige Fernseh- und Kinoprogramm, Veranstaltungstipps, Wetterprognosen und Horoskope. Und weil sie alle anders sind, ist die Chance ziemlich groß, dass es ein guter Tag wird.

Als Vorbereitung auf die Einführung der Gratiszeitung in anderen deutschen Großstädten Anfang nächsten Jahres hat der Schibsted-Verlag seinen "20 Minuten-Köln" jetzt ein neues Outfit verpasst. Heute präsentiert sich das Blatt erstmals als "Zwei-Eingangszeitung". Die Rückseite ist als zweite Titelseite gestaltet und bietet statt Information Partytipps und eine Flirtecke. Der Leser soll entscheiden können, ob er nicht lieber gleich von hinten anfangen möchte.

Beim Aussteigen vergisst man das Gelesene genauso schnell wie das Papier, auf dem es gedruckt stand. Und so hat der Nächste auch noch etwas davon.

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