Medien : Grausam und apolitisch

„Over There“: die erste US-Serie zum Irakkrieg

Matthias B. Krause[New York]

Die Panzer-Abwehrrakete trifft ihr Ziel mit Präzision und trennt den Körper des irakischen Kämpfers genau oberhalb der Hüfte von den Beinen. Die tun noch einen letzten Schritt, ehe sie leblos nach vorne sinken. Auch sonst geht die neue amerikanische TV-Serie „Over There“ („Dort drüben“), die am Mittwochabend Premiere hatte, nicht zimperlich um mit Blut, gebrochenen Knochen und verstümmelten Gliedmaßen. Ab 22 Uhr bekommen die Zuschauer des Kabelsenders FX 13 Mal frei Haus geliefert, was in jeder Nachrichtensendung herausgeschnitten wird: die sinnlose Grausamkeit des Krieges.

„Over There“ erzählt die Geschichte von sieben US-Soldaten, abgesehen vom Kommandanten alle so um die 20 Jahre jung, die in den Irakkrieg geschickt werden. Alleine schon die Tatsache, dass der Sender damit erstmals in der Geschichte des Mediums einen Konflikt fiktionalisiert, der sich zeitgleich noch in vollem Gange befindet, sorgte für Aufsehen. Die Idee dazu hatte der Senderchef John Landgraf, der in Steven Bochco und Chris Gerolmo zwei furchtlose Spezialisten anheuerte. Bochco machte sich als Produzent von Serien wie „L.A. Law“ und „NYPD Blue“ einen Namen, die den harten Alltag von Ermittlern in Los Angeles und von der New Yorker Polizei ungeschminkt darstellen. Gerolmo schrieb das Drehbuch für den Oskar-gekrönten Bürgerrechts-Thriller „Mississippi Burning“.

Produzent Bochco nahm die Herausforderung sehenden Auges an: „Es gibt eine Kontroverse, ganz gleich, was wir machen. Hätten wir politisch Stellung bezogen, hätten wir wenigstens die Hälfte der Leute auf unserer Seite gehabt.“ Doch stattdessen gibt sich die Serie betont apolitisch und lässt jeglichen Kontext vermissen. Gleichzeitig hantiert sie mit holzschnittartigen Charakteren, die einem so oder so ähnlich schon einmal begegnet sind. Da gibt es den grüblerischen College-Absolventen Frank Dumphy, der alles in Zweifel zieht und die Monster-Werdung seiner selbst beobachtet – natürlich klar mit Brille markiert.

Oder die patente Mutter eines Kleinkindes, Esmeralda Del Rio, die ihrer Familie per Videobotschaft mitteilt: „Mutti ist bei der Arbeit und soweit geht es ganz gut.“ Es gibt die Sportskanone Bo Rider, ein Mustersoldat, dem sie zur Ende der ersten Folge ein Bein wegsprengen. Etwas mehr Spannung verspricht da die über-ängstliche Brend Mitchell, ein Charakter, auffällig nach dem Vorbild Lynndie Englands gezeichnet, jener Soldatin also, die sich in Abu Ghraib mit sadistischer Lust an der Misshandlung von Gefangenen beteiligte. Und das ist erst der Anfang. Im weiteren Fortgang wird ein arabischstämmiger Soldat zur Truppe stoßen, der so heroisch sei, dass ihm eigentlich nur das Spiderman-Kostüm fehle, lästerte der „Boston Herold“.

Problem-Themen wie die Folterung von Gefangenen oder der Umgang mit potenziellen Selbstmordattentätern an Kontrollpunkten werden zwar angerissen, dienen aber hauptsächlich zur Konstruktion des Spannungsbogens. „Over There“ ist attraktiv gefilmt. Südkalifornien sieht zwar nicht wirklich wie der Irak aus, aber Kampfhubschrauber, die zum getragenen Titelsong der untergehenden Sonne entgegen fliegen, machen sich noch immer gut.

In den Werbepausen wird das Videospiel „Black Hawk Down“ angepriesen, das „Kriegsspiel aller Kriegsspiele“. Auf die Rockmusik zum Sturmangriff folgt nahtlos die Bierwerbung. „Als Ganzes betrachtet, zeichnet die Serie eine Sinnlosigkeit aus, die schockierend ist“, urteilte die TV-Kritikerin des „New Yorker“.

Produzent Bochco steht der ganzen Diskussion gleichgültig gegenüber: „Unser Plan ist eigentlich ganz simpel: Im Wesentlichen wollen wir spannende Unterhaltung kreieren.“ Die Gefahr des Serienversuchs zum Irakkrieg, urteilte die „New York Times“, könne jedoch sein, dass „die Zuschauer den Krieg am Ende genauso lieben, wie sie schon die Soldaten vergöttern“.

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