Medien : Grenze des Privaten: Die Fahnder (Kommentar)

Christiane Peitz

Der erste Realitätsschock kam mit dem Fernseher. In "Aktenzeichen XY" zeigte Eduard Zimmermann echte Tatwaffen - den Schraubenzieher zum Beispiel oder das Küchenmesser, mit dem ein Opfer traktiert wurde. Nicht, dass noch Blut daran klebte, lehrte uns Kinder das Fürchten, sondern die Alltäglichkeit der Mordwerkzeuge: Solche Gerätschaften lagen auch bei uns im Haus herum. Plötzlich war das Böse nichts Fremdes, nichts Fernes mehr, sondern ein vertrauter Anblick. Und es war die Geste des Herzeigens, das Siegel der Echtheit, das uns bis in unsere Alpträume verfolgte. Dann kamen die Fahndungsplakate mit den Porträts der RAF-Mitglieder. Seht her, das sind sie, die Terroristen: Gesichter auf der Litfaßsäule. Wir demonstrierten gegen den Überwachungsstaat und betrachteten im Damenklo unserer Szenekneipe die Fotos von mutmaßlichen Vergewaltigern. Mit der Bildunterschrift: Schlagt sie, wo ihr sie trefft.

Das ist lange her. Während der Stasi-Debatte wurde mit neuem Eifer über die Grenzen des Privaten debattiert: Soll man die Adressen, die Namen, die Biografien der IMs nun publizieren oder nicht? Wie viel Öffentlichkeit muss sein, wie viel Personenschutz ist unverzichtbar? Inzwischen haben wir "Big Brother": Längst stellt der gläserne Mensch sich unentwegt selbst zur Schau. In Zeiten des Quotenkriegs ist das Intime der letzte Schrei. Der echte Mensch, das wirkliche Leben - ein Bestseller. Und immer gibt es dabei diese Geste des Outens. Schaut her, so sehen wir aus.

Und nun? Die "taz" druckt Fotos von den derzeit aktiven Rechtsextremisten: ein politisch korrektes Fahndungsplakat. In England veröffentlicht die Boulevardpresse die Konterfeis von Kinderschändern. Letzte Meldung: Im britischen Manchester verurteilt die Polizei die Kundschaft von Prostituierten neuerdings nicht nur zu hohen Geldstrafen, sie gibt außerdem Namen, Adressen und Fotos für die Zeitungen frei. Prostitution ist in England verboten; die Polizei hofft auf abschreckende Wirkung.

Bei allen Unterschieden zwischen britischem und deutschem Rechtsstaat ist den Medienkampagnen zum Schutz der Zivilgesellschaft ein zutiefst antizivilisatorisches Moment gemeinsam: die versteckte Aufforderung zur Selbstjustiz. Und obendrein die öffentliche Brandmarkung von Übeltätern, die - derart an den Pranger gestellt - kaum noch eine Chance haben dürften, sich in Zukunft zu bessern. Wer will mit denen noch zu tun haben! Fortan überwachen wir einander rund um die Uhr: Die Feier des Individuums, seine freiwillige Selbstentblößung in Talkshows und Doku-Soaps, kehrt sich gegen das Individuum selbst. Zurück bleibt das mulmige Gefühl, dass all diese Kampagnen womöglich doch nicht die Zivilcourage ermuntern, sondern den Fahnder in jedem von uns.

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