Medien : Grey Box BRD

Joachim Huber

Endlich, Berlin ist wieder Spitze. Die Hauptstädter und viele Brandenburger werden die ersten Bundesbürger sein, die das neue digitale terrestrische Fernsehen, Digital Video Broadcasting-Terrestrial (DVB-T), nutzen können. Von diesem Herbst an wird in der Hauptstadtregion der herkömmliche analoge Antennenempfang nach und nach beendet. Dann kommt DVB-T, dann werden die Zuschauer, die Fernsehen über Hausantenne empfangen, werden unweigerlich mit der neuen Technik konfrontiert: Wollen sie weiter auf diesem Wege fernsehen, müssen sie sich taschenbuchgroße Decoder zulegen. Die so genannten Set-Top-Boxen sollen rund 200 Euro kosten und mit den bisherigen Apparaten und Antennen kompatibel sein. Möglicherweise werden auch preisgünstige Mietgeräte angeboten.

DVB-T bietet "Überall-Fernsehen": Mit Unterstützung einer neuen Antenne in Bleistift- oder Postkartenform soll Fernsehen sogar in der S-Bahn oder am Wannsee möglich sein. Da liegt ein bisschen Zukunftsmusik drin, weil erst der Regelbetrieb zeigen wird, ob die Digital-Programme auch wirklich an jeder Ecke empfangen werden können. Zur Belohnung für die Umrüstung bekommen die Antennen-Nutzer statt bislang zwölf künftig mehr als 20 Fernsehprogramme geliefert. Betroffen von der Umstellung sind im Ballungsraum Berlin rund 150000 Haushalte (7,4 Prozent). Was bis zum Sommer 2003 passiert sein soll, startet mit Antennenkanal 44, der aktuell mit Pro7 belegt ist. Nach der Umrüstung auf digitale Technik werden über diesen Kanal die Privatsender Pro7, RTL, RTL 2 und Sat 1 ausgestrahlt. Im nächsten Frühjahr sind die öffentlich-rechtlichen und weitere private Programme an der Reihe. Das Sortiment der Sender soll in weiten Teilen das Programmangebot abbilden, das die Kabel-Seher nutzen. Ein geschickter Schachzug, um dem Terrestrik-Nutzer den Umstieg schmackhaft zu machen.

Die Abschaffung der Fernsehversorgung durch analoge terrestrische Sender fußt auf einer Vereinbarung, die die Fernsehveranstalter ARD, ZDF, ORB, SFB, ProSiebenSat 1 Media AG, RTL Television und die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) am Mittwoch in Berlin unterzeichnet haben. Das Projekt Berlin/Brandenburg bildet den "Piloten" für die bundesweite Ablösung analoger durch digitale Terrestrik, die bis spätestens 2010 abgeschlossen sein soll.

MABB-Chef Hans Hege nennt es "einen komplexen Prozess", nicht nur die Sender sind beteiligt, auch die Geräteindustrie und die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post sind mit von der Partie. Denn drei Komponenten braucht DVB-T: Programme, Übertragungstechnik und Empfangsgeräte. Um die Nutzer auf die neue Situation vorzubereiten, sind Händlerschulungen und eine gewaltige Marketingkampagne nötig. Schwierige Aufgabe: Gerade in Terrestrik-Haushalten leben viele Leute, die sich kaum für Fernsehtechnik interessieren.

Keiner wagt eine Vorhersage, ob der zunächst auf fünf Jahre angelegte DVB-T-Betrieb ein Erfolg werden wird. Vielleicht wechseln die Terrestrik-Haushalte endgültig zu Kabel oder Satellit. Andererseits ist sich die Branche sicher: Ohne den Umstieg auf die neue Technik wäre der Antennenbetrieb binnen weniger Jahre wegen hoher Kosten und geringer Nutzung ausgestorben.

Am Ende der Terrestrik haben namentlich die Fernsehsender kein Interesse. Getrieben von der Unsicherheit, wie sie nach einem Verkauf des Telekom-Kabelnetzes an Liberty Media ihre Programme per Kabel verbreiten können, sehen sie in DVB-T einen dritten Verbreitungsweg, der neben dem Kabel und dem Satelliten offengehalten werden muss. Jürgen Doetz, Vorstand ProSiebenSat 1 Media AG, nutzte die Pressekonferenz in Berlin, um DVB-T als "eine Strategie gegen unkoordinierte Kabel-Experimente" zu deklarieren. Nach Aussage von RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler "sollen die Zuschauer auch in Zukunft eine kostengünstige Alternative zu Kabel und Satellit haben". ORB-Chef Hansjürgen Rosenbauer meinte, die Entscheidung für DVB-T sei "für den zusammenwachsenden Wirtschaftsstandort Berlin-Brandenburg von struktureller Bedeutung". Sie habe zudem Signalwirkung für die anstehende Fusion von ORB und SFB. Dessen Intendant Horst Schättle forderte die Hersteller auf, "den Umstellungsprozess durch eine attraktive Preisgestaltung für die bei DVB-T notwendigen Zusatzgeräte zu unterstützen".

Klar ist, dass die Zuschauer über Wohl und Wehe von DVB-T entscheiden werden. Bleibt das "Überall-Fernsehen" ein Zuschussobjekt, dann werden die Privatsender bald aussteigen, gab Doetz zu verstehen. ZDF- Chef Dieter Stolte dachte weniger ans Geld und mehr ans neue Programmangebot. Der Großraum Berlin soll sich über das Bouquet aus ZDF-Hauptprogramm, ZDF-Infokanal, Kinderkanal, ZDF-Dokukanal und einem multimedialen Dienst unterhalten und informieren können.

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