Grimme-Preis : Das Juwel

Verkaufte Bilder, menschliche Stehpulte: Wie Thomas Gottschalk in Marl für sein Lebenswerk geehrt wurde.

Katja Hübner
Stolz und Vorurteil. Auch die „taz“, teilte Thomas Gottschalk (re. neben Kurt Krömer) bei der Grimme-Preis-Verleihung am Freitagabend mit, „hätte jetzt durchblicken lassen, dass sie von meiner Existenz wusste.“ Foto: dpa
Stolz und Vorurteil. Auch die „taz“, teilte Thomas Gottschalk (re. neben Kurt Krömer) bei der Grimme-Preis-Verleihung am...Foto: dpa

Marl hat auf ihn gewartet. Er bringt Glamour in die Stadt und auch ein bisschen Umsatz. „Wenn Thomas Gottschalk herkommt, habe ich endlich mal wieder eine Chance, einer Zeitung ein Bild zu verkaufen“, sagt eine freie Fotografin. Im trüben Wetter bahnt sich der Moderator der populärsten Samstagabend-Unterhaltungsshow seinen Weg über den Roten Teppich. Vorbei an Autogrammjägern, durch das Blitzlichtgewitter, hinein in den Theatersaal der Grimme-Preisstadt. Dort sieht man ihn von hinten sitzen, grauer Anzug mit schwarzem Revers, blonde Locken, sein Kopf streckt sich über die anderen hinweg. Alles erscheint erstaunlich klein im Verhältnis zu ihm: der Raum, die Gäste, der „Willi will’s wissen“-Gastgeber, der sich durch die Preisverleihung quält wie ein Kaugummi, der zäh an einer Schuhsohle klebt. Thomas Gottschalk sitzt in der ersten Reihe. Zweieinhalb Stunden lang hält er durch, bevor er an diesem Freitagabend den Grimme-Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhält.

Als er auf die Bühne kommt, erhebt sich das Publikum zu Standing Ovations. Thomas Gottschalk ist, das sieht man, gerührt. Er steht dort oben mit Willi Weitzel und Rita Süssmuth, der Vorsitzenden des Volkshochschulverbandes. Es ist ein komisches Dreieck, das sie bilden – der junge, überforderte Moderator, die ältere, kleine, wunderliche Frau Professor und der größte Entertainer Deutschlands. Als Willi ihn einlädt, sich mit ihm auf eine improvisierte „Wetten, dass…?“- Couch zu setzen, lehnt Thomas Gottschalk das dann auch lieber ab. Er will seine Rede im Stehen halten.

„Da ich ja das erste Mal hier bin, kannte ich mich natürlich auch nicht so gut mit der Kleiderordnung aus wie Dominik Graf“, sagt er. Der Regisseur der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ hatte seinen neunten Grimme-Preis eine halbe Stunde zuvor in weißer Jeans und lässigem Pullover entgegengenommen, Gottschalk dagegen tritt ganz in alter „Wetten-dass…?“-Manier auf. Es ist fast so, als würde er mit diesem Spruch die Leute im Saal aus ihrer Anspannung befreien: Er ist wie immer, reaktionsschnell, witzig und frech.

Als er kein Stehpult findet, bittet er Kurt Krömer auf die Bühne, damit er auf dessen Rücken seine Zettel für die Dankesrede ablegen kann. „Ich glaube, wir beide sind hier die einzigen Clowns“, sagt er zu ihm. Krömer, Gewinner in der Kategorie Unterhaltung, trägt wie Gottschalk einen gemusterten Anzug, das Spiel mitspielen will er aber nicht so richtig.

Gottschalk ist nach Marl gekommen, um seinen allerersten Grimme-Preis zu empfangen. Er spricht über die späte Ehre, die ihm damit zuteil geworden ist. Er ist jetzt 60 Jahre alt. Über die auf einmal positive Resonanz „von den richtigen Leuten“, sein Foto auf der Titelseite der „Zeit“, die „Nachrufe“ in „Bild“ und auf Spiegel Online. Auch die „taz“, teilt er mit, „hätte jetzt durchblicken lassen, dass sie von meiner Existenz wusste.“ Thomas Gottschalk freut sich über den Preis, auch wenn er sich darüber lustig macht. Er meint es ernst, wenn er sagt, dass weder gute noch schlechte Kritiken für einen Künstler hilfreich sind, sondern dass das Publikum das Wichtigste sei. Dass Erfolg nicht von der Quote abhänge, und dass er das Grimme-Institut so schätzt, weil es kleinen, öffentlich-rechtlichen Produktionen Chancen einräume.

Er findet eindringliche Worte, aber er weiß, dass er sein Publikum nicht bedrängen kann. Er fügt hinzu: „In Marl kann es allerdings eine Weile dauern, bis man ein Juwel als solches erkennt – wie man ja an mir sieht.“ Es ist genau die Mischung aus Empathie, Warmherzigkeit, Ironie und Jungenhaftigkeit, die Thomas Gottschalk als Moderator einzigartig macht. Er hat sich diese Rolle nicht nur maßgeschneidert wie einen seiner gut sitzenden Anzüge, sondern er hat sie sich einverleibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar