Großbritannien : Skandal im Mutterland der Pressefreiheit

Reporter des britischen Boulevardblatts "News of the World" sollen Handys abgehört, Polizisten geschmiert und Prominente bloßgestellt haben. Wie die Politik gegen die Zeitung von Rupert Murdoch vorgehen will.

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Strippenzieher. Demonstranten protestieren in London gegen Medienzar Rupert Murdoch. Mitarbeiter seines Blatts „News of the World“ sollen Handys ausspioniert haben.
Strippenzieher. Demonstranten protestieren in London gegen Medienzar Rupert Murdoch. Mitarbeiter seines Blatts „News of the World“...Foto: AFP

Die wachsende Empörung der Briten über die Sonntagszeitung „News of the World“ und den britischen „Hacker-Journalismus“ griff am Mittwoch auf das Unterhaus über, wo Labourabgeordnete eine dreistündige Dringlichkeitsdebatte erzwangen. Labour-Chef Ed Miliband sprach vom „größten Presseskandal in modernen Zeiten“. Tory-Premier David Cameron beugte sich Forderungen der Opposition und kündigte eine „öffentliche und unabhängige“ Untersuchung des Skandals an. Dabei müsse das Verhalten einzelner Journalisten, die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Medien und „die Praktiken der Presse im weitesten Sinne“ im Mittelpunkt stehen.

Die Weichen für die umfassendste richterliche Untersuchung der britischen Pressekultur sind gestellt. Der konservative Abgeordnete Peter Bone verglich den Medienskandal mit dem Spesenskandal der Parlamentarier vor zwei Jahren. Wieder setze sich eine angebliche Säule der Gesellschaft über Gesetze hinweg. „Wir müssen wissen, wie weit diese Praktiken durch alle Medien gehen“, sagte er.

Der Abhörskandal brodelt schon lange, erhielt aber eine neue Dimension, als der „Guardian“ berichtete, „News of the world“-Journalisten hätten sogar die Mailbox einer Toten abgehört – der entführten und zum Zeitpunkt der Lauschangriffe wohl bereits ermordeten 13-jährigen Milly Dowler. Jeder Bürger im Land sei „von Abscheu ergriffen“, sagte Cameron, die Verantwortlichen müssten vor Gericht gestellt werden. Anzeigen-Großkunden der Zeitung wie der Autohersteller Ford stornierten Anzeigen, andere überprüfen Verträge.

Bisher verfolgten die Briten den Abhörskandal mit weniger Interesse als Zeitungen wie der „Guardian“ und der „Independent“, die die wachsende Mediengewalt des „World“-Besitzers Rupert Murdoch bekämpfen. Journalisten des Blattes hatten über Privatdetektive und im illegalen Datenhandel Telefonnummern von Starlets und Politikern und deren Handy-Mailboxen abgehört. Aber die Mehrheit der Briten sah diese illegalen Attacken auf das Privatleben als das „Berufsrisiko“ privilegierter Promis an, zumal sich Stars wie Sienna Miller schnell saftige Entschädigungen vor Gericht erstritten.

Opfer von Verbrechen und ihre Angehörigen sind eine andere Sache. Gerade erst wühlte der Prozess gegen den Mörder Milly Dowlers das Land auf. Nun die Nachricht, dass der von der „World“ angestellte Privatdetektiv Glenn Mulcaire nicht nur verzweifelte Nachrichten von Eltern und Verwandten auf der Handy-Mailbox des Mädchens abhörte, sondern sogar löschte, um Platz für neue zu schaffen. Damit griff die Zeitung in die Ermittlungen der Polizei ein. Inzwischen vermutet die Polizei, dass auch Angehörige von Opfern des Londoner Terroranschlags 2005 „angezapft“ wurden. „Das Wissen, dass man abgehört wurde, als man auf dem absoluten Tiefpunkt seines Lebens war, ist unerträglich“, sagte Graham Foulkes, dessen 22-jähriger Sohn bei dem U-Bahn-Anschlag ums Leben kam.

Der Skandal setzt neue Fragezeichen hinter Rupert Murdochs Versuch, den Bezahlsender BSkyB voll zu übernehmen. Kulturminister Jeremy Hunt hat für diese Übernahme bereits grünes Licht gegeben, sofern Murdoch den Newschannel Sky News abgibt und Auflagen der Medienaufsicht Ofcom erfüllt. Oppositionschef Ed Miliband forderte nun erneut eine Überprüfung durch das Kartellamt und die Klärung, ob Murdoch für diese Ausweitung seiner Pressemacht eine „geeignete Person“ ist. Niemand hat Murdoch aber Mitwisserschaft vorgeworfen.

Im Zentrum des Skandals stehen nun die frühere „World“-Chefredakteurin Rebekah Brooks (vormals Wade), die nun Murdochs britische Holding News International Ltd. leitet, sowie ihr Nachfolger bei der „World“, Andy Coulson, der im Januar wegen des Skandals seinen Posten als Kommunikationschef von Premier Cameron aufgab. Viele halten es für unglaubwürdig, dass diese Chefredakteure nicht wussten, was in ihren Redaktionen vorging.

Mit am Pranger steht die Polizei. Deren erste Untersuchung der Abhörvorwürfe führte zur Verurteilung und Gefängnisstrafen für Detektiv Glenn Mulcaire und den „World“-Hofkorrespondenten Clive Goodman, aber die Polizei stellte sie als Einzeltäter hin. Nun nimmt eine neue Ermittlungsmannschaft die erste Untersuchung unter die Lupe, weil Verdacht besteht, dass Polizei und Presse unter einer Decke steckten. News International übergab den Ermittlern E-Mails, in denen Coulson Zahlungen an Polizisten abgesegnet haben soll.

Die Murdoch-Zeitung „Times“ nahm am Mittwoch zum ersten Mal in einem Leitartikel Stellung zu der Affäre. Man müsse jetzt wissen, ob diese Praktiken die Ausnahme oder die Regel waren. Aber sie scheint eine Ahnung zu haben. „Wir werden viel lernen, nichts davon wird erbaulich sein“, schreibt das Blatt.

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