Medien : Große Reden über Bücher

Die Fernsehgewaltigen lieben die Literatur – nur nicht in ihren Programmen

Rainer Moritz

Wenn es darum geht, Sonntagsreden auf die Leseförderung und die Liebe zum „guten“ Buch zu halten, sind die Fernsehgewaltigen nie um warme Worte verlegen. Umso trister jedoch das Bild, sobald man einen Blick hinter die Fassaden wirft, insbesondere die der ARD-Häuser, wo liebend gern der eigene kulturelle Auftrag gepriesen wird. Während das ZDF seiner Büchersendung „Lesen!“ immerhin ein klares Profil verpasste, mit Elke Heidenreich eine glaubwürdige Schwärmerin ins Amt hievte und dieser trotz nachlassender Durchschlagskraft (kein von Heidenreich empfohlener Titel erreichte zuletzt mehr hohe Bestsellernotierungen) die Treue hält, ist die Konzeptionslosigkeit innerhalb der ARD-Truppen erstaunlich.

Obwohl man mit Denis Schecks „Druckfrisch“ über ein Format verfügt, das sich durch internationalen Anspruch und gewitzte (Regie-)Einfälle auszeichnet, denkt offenkundig niemand daran, diese Sendung aus ihrer mitternächtlichen Sonntagsverbannung zu befreien. Literatur in der ARD fristet nicht einmal ein Nischendasein, Literatur im HaraldSchmidt-Sender ist ein lustlos beackertes Feld.

Skepsis war auch im vergangenen Herbst angesagt, als die ARD stolz verkündete, der „Tagesthemen“-Ruheständler Ulrich Wickert werde sich künftig in einer Büchersendung ums Leserwohl kümmern. Mit dieser Entscheidung, die – kein Geheimnis – den Kulturverantwortlichen aufgenötigt wurde, biss sich die Katze in den Schwanz. Denn wie man seit Jahren Einfallslosigkeit pflegt und die immergleichen Gesichter, die Beckmanns und Pilawas alles und nichts moderieren lässt und anschließend auf ihren „Bekanntheitsbonus“ verweist, wollte man der „schwierigen“ Literatur durch ein prominentes, fernseherprobtes Gesicht auf die Sprünge helfen.

Um die Bücher selbst ging es dabei kaum und auch nicht um die heikle Frage, wie man diese schmackhaft präsentieren könnte. Vom „Sonderfall“ der ersten Sendung abgesehen, als sich Wickert zum intimen Zwiegespräch mit dem sich erklärenden Günter Grass traf, verfiel „Wickerts Bücher“ rasch zum müden Talkshowabklatsch, bei dem sich das Internetforum www.literaturcafe.de auf der „Sonnenterrasse eines Seniorenstifts“ wähnte.

Anstatt die Inhalte und die Machart von Büchern ins Zentrum zu rücken, scharte Ulrich Wickert Gäste wie Bernhard Bueb oder Alexa Hennig von Lange um sich, die sich, losgelöst von ihren Werken, auf Teufel komm raus über Erziehungsfragen zu verständigen hatten. Und weil alle Welt im Fernsehen neuerdings gern mit dem Tranchierbesteck hantiert, widerstand „Wickerts Bücher“ nicht der Versuchung, das Kochen zu thematisieren und Schreibkünstler wie Sarah Wiener zum vermeintlichen Gespräch über Bücher zu bitten.

„Wickerts Bücher“ hatte keinerlei Zukunft. Ihr Präsentator, ein erfahrener Autor, aber kein Literaturkritiker, fühlte sich unwohl dabei, seine Akteure zum Sprechen zu animieren, und ließ es sich unglückseligerweise nicht nehmen, vor hoch gerühmten Romanen zu warnen, etwa vor Wolf Haas’ „Das Wetter vor 15 Jahren“, einer Novität des letzten Herbstes, die prompt mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet wurde und staunenswerte Verkaufszahlen erreichte.

Ulrich Wickerts Entscheidung, seiner Plauderei den Rücken zu kehren, da diese (so ist das nun mal mit der Literatur) zu zeitaufwendig in der Vorbereitung sei, kam der Entscheidung anderer zuvor. Allein, die frühe Verbannung von „Wickerts Bücher“ auf die Scheck’sche Geisterstundenstrafbank signalisierte wenig Zutrauen ins eigene Tun und den üblichen Wankelmut der Fernsehschaffenden, wenn es um Literatur geht.

Nachtrauern muss man diesem Ende ohne Schrecken nicht. Wer Bücher im Fernsehen präsentiert, der sollte nicht so tun, als handele es sich um schnell wechselnde Politikermeinungen, er sollte stattdessen deutlich machen, dass es nicht zuletzt um ästhetische Fragen geht. Darin liegt die Schwierigkeit. Auch Denis Scheck muss in „Druckfrisch“, wenn er mit Hans Pleschinski am Strand oder mit Irene Dische auf einer Parkbank sitzt, verzweifelt darauf hoffen, dass die von ihm vorgestellten Autoren kameratauglich und nicht ganz unbekannt sind. Große Bücher wie „Easter Parade“, der wieder entdeckte Roman des 1992 verstorbenen Amerikaners Richard Yates, sind deshalb auch in „Druckfrisch“ chancenlos.

Geschwätz gibt es im deutschen Fernsehen genug. Warum nicht, auf einem vernünftigen Sendeplatz, wenigstens über Literatur so reden, wie es dieser Gegenstand verdient? Der „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens zeigt, dass das geht. Dass damit keine sensationellen Quotensprünge erreicht werden, versteht sich von selbst, und vielleicht könnte es ja auch den Kulturträgern unter den ARD-Programmmachern gefallen, wenn sich auf ihren Kanälen intelligente Menschen über intelligente Dinge unterhalten und zur Beschäftigung mit diesen auffordern.

„Druckfrisch“, ARD, 23 Uhr 45

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