Medien : Günter Netzer: Der Priester aus der Tiefe des Raumes

Uta-Maria Heim

Der Netzer ist, wie der Becker sagt, "der Experte par excellence". Boris gibt dem Netzer den Ritterschlag, in einem Interview im Ersten, und er tut es für uns alle. Eine ganze Midlife-Generation ist von Günter Netzer nämlich auf ewig begeistert. Das liegt an damals, an schweißigen Kniestrümpfen, Pril-Blumen und Lakritzschnecken. Denn damals, 1972, als man Kind war und Europameister wurde, da war Netzer der Star der deutschen Nationalmannschaft, der besten, die es je gab. Und nun, bald dreißig Jahre später, analysiert er in der ARD das Debakel.

"Netzer kam aus der Tiefe des Raumes." In der unvergänglichen, aber leider schon fast vergessenen Biographie "Günter Netzer - Manager und Rebell", die der zur Lyrik neigende Fußballfeuilletonist Helmut Böttiger schrieb, steht alles drin. Alles, was man über Netzer und den deutschen Fußball wissen muss. Da steht auch drin, wie es weitergeht, nämlich dass wir nie wieder über die Vorrunde hinauskommen, während die Hoffnung natürlich zuletzt stirbt. Das ist blanke Poesie. Vor allem heute.

Doch damals. Damals hockten wir vor dem Schwarzweißfernseher und glotzten beim Kopfball auf Netzers wehendes langes Haar, das zum Unmut unserer Eltern übern Kasten flimmerte. Es wirkte aufrührerisch. Es war wie ein Rausch. Und wenn wir Netzer heute sehen, dann schlucken wir immer. Eine wilde Ära zockelt nostalgisch verbrämt an uns vorüber: Im Juni wird der Kern der RAF verhaftet, im November folgt die "Willy-Wahl" mit dem Motto: "Deutsche, ihr könnt stolz auf euer Land sein". 1972, wir sind Europameister. Und Netzer grinst.

Er grinst immer noch. Da steht er im Studio von "EM - Euro 2000", ein wenig linkisch, ein wenig unbeholfen, und zeigt uns dieses überkommene, wie festgezurrte Grinsen, das uns nicht täuschen kann. Denn was Netzer sagt, ist niemals launig oder lustig. Mit gebannt starrer Miene schaut er in die Kamera. Er sagt stets das Richtige. Wenn die Spanier nicht das bringen, was man sich von ihnen erhofft, dann kritisiert er die Spanier. Den Norwegern schreibt er zu, was ihnen gebührt: Schlichtheit. Er ist nie böse, er ist immer rational. "Man muss ehrlich mit seiner Situation umgehen", kommentiert er den niederschmetternden Zustand der deutschen Mannschaft. "Es ist eine seriöse Analyse gefragt, die sicherlich nicht von heute auf morgen zu machen ist."

Der Netzer, der Mythos, ist ein priesterlicher Aufklärer. Ein fairer, verhaltener Teamgeist. So appelliert er an die besten Tugenden, wenn er Lothar Matthäus in Schutz nimmt: Matthäus sei "das letzte Denkmal, das wir noch haben. Und Denkmäler demontiert man nicht." Netzer tritt ein für Moral und Menschlichkeit. Für den seriösen, für den sauberen Fußball. Das rührt uns. Trotzdem möchten wir mehr von ihm hören. Ja, dennoch fehlt uns etwas Entscheidendes - das Bekenntnis, die Glut, die Leidenschaft. Sie entzieht sich uns. In der Tiefe des Raumes.

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