Günter Struve : Kampfauftrag: Quote

Das Erste ist Marktführer im Fernsehen, ein Erfolg des Günter Struve. Jetzt geht er – nach 16 Jahren als ARD-Programmdirektor.

Joachim Huber
Struve
Heute München, morgen Los Angeles?Gü Günter Struve will der ARD treu bleiben. -Foto: dpa

1992. Es sieht finster aus in Fernseh-Deutschland. Nicht in ganz Fernseh-Deutschland, die Sonnenfinsternis hat nur die Programme von ARD und ZDF erfasst, alldieweil die private Konkurrenz hell strahlt. Die Programme von RTL & Co. sind alles andere als revolutionär, und doch tragen sie eine Revolution in sich. Seit dem Sendestart im Januar 1984 gehen sie von den Wünschen, den Bedürfnissen der Zuschauer aus. Sie sind gemacht, um Nachfrage (gerne als Triebe und Instinkte) zu befriedigen. ARD und ZDF wollen seit Jahrzehnten im Grundsatz das Gegenteil: Sie machen Angebote, die vom Gedanken grundiert sind, dass öffentlich-rechtliche Redakteure dem Publikum vorsagen, was das öffentliche Publikum sehen soll. Es gilt die sozialistische TV-Grundordnung, in die der Quoten-Kapitalismus einbricht.

1. Mai 1992: Günter Struve wird Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens. Er kommt aus dieser Funktion – beim Westdeutschen Rundfunk. Wer beim WDR arbeitet, der weiß, was „Redakteursfernsehen“ ist. Struve hat es erfahren, er hat es erlitten. Sein Amtsantritt in München fällt ziemlich genau mit drei neuen ARD-Intendanten zusammen. Fritz Pleitgen (WDR,1995), Jobst Plog (NDR,1991) und Peter Voß (SWF/SWR, 1993). Die drei Bullen und der Leitstier sind, bei allen Unterschieden und bei aller individuellen Eitelkeit, durchaus einig in einem Ziel – der Renaissance des öffentlich-rechtlichen Fernsehens namens ARD.

Nun ist die ARD ein komplexes, föderales Gebilde. Damals elf Landessender und heute neun suchen mittels Programmdirektion den Erfolg. Jedem Sender sind bestimmte Prozente im ersten Programm zugewiesen – je größer der Sender, wie der WDR, desto mehr Anteil am Ersten –, und jeder Sendeplatz gehört wieder einem Sender. Die ARD, das ist deutscher Föderalismus, der sich nur mit Gewalt reformieren lassen will. Struve hat das Glück, ein König mit Reich, und das Unglück, ein König ohne tiefe Schatulle und feudale Befehlsstruktur zu sein. Günter Struve kann in dieser größten aller nur denkbaren Koalitionen nur gewinnen, wenn er Mehrheiten gewinnt. Ernsthaft reicht es auch, wenn er die Ansager bei ARD, WDR, NDR, SWR und BR auf seiner Seite hat. Und die hat er, denn die vom Zuschauerverlust gedemütigte ARD wartet sehnsüchtig auf Erfolge, auf renovierten Glanz. Struve, der niemals dogmatisch denkt und handelt, wenn er öffentlich-rechtlich denkt und handelt, kennt nur eine Ideologie: Das Erste muss das Erste sein. 1998 ist der Etappensieg da, die ARD löst den Dauerersten RTL als Marktführer ab.

Zweierlei kommt zusammen: Die Dritten werden endgültig zu regional grundierten Vollprogrammen, zudem es sich ARD (und ZDF) erlauben, als Randgruppen definierte Zuschauerinteressen auszulagern. Mit der Gründung des Kinderkanals bleiben nur noch Spurenelemente von Kindersendungen am Samstag- und am Sonntagmorgen im Programm, mit Phoenix werden ein wesentlicher Teil der Politik und insbesondere die ungeliebten Übertragungen aus dem Deutschen Bundestag aus dem ersten und zweiten Programm entfernt. Auch wenn sich das beim Kinderprogramm rächen wird, weil sich eine gewaltige und heute gewaltig beklagte Lücke zwischen den kleinen Zuschauern und den erwachsenen Zuschauern bei ARD und ZDF öffnen wird, schafft die Operation Platz für die Offensive. Der Programmauftrag wird zum Kampfauftrag. Oder im Lob des MDR-Intendanten Udo Reiter für Günter Struve, 1998 geäußert im Tagesspiegel:„Ohne jede Scheu vor Schmähkritik aus der intellektuellen Anspruchsecke hat er das Voll- in ein quotenorientiertes Kampfprogramm umgebaut.“

Wo du die private Konkurrenz nicht schlagen kannst, da kopiere sie erfolgreich. Sport, Unterhaltung, eine Süßstoffensive bei den Fernsehfilmen – Günter Struve scheut keine Anstrengung, dem Publikum zu geben, was das Publikum will. Und er gibt das, wovon das Publikum gar nicht weiß, dass es dieses Programm will. Die politische Talkshow „Sabine Christiansen“, am Sonntagabend hinter den Quotengaranten „Tatort“ gesetzt, schlägt mit bis zu sechs Millionen Zuschauern ein. Die politischen Magazine werden kürzer, die Softorgien am Vorabend, die Serien am Dienstag und die Degeto-Fruchtbomben für die Zuschauerfrau am Freitag werden mehr. Dokumentationen und Dokumentarfilme werden in die Nachtzone gedrängt, weitere Talkshows wie „Beckmann“ oder „Menschen bei Maischberger“ kommen dazu. Erfolg, das sieht Struve, ist machbar und planbar. Herauskommt ein Erstes Deutsches Fernsehen, das bei seinen Informationsleistungen so öffentlich-rechtlich wie das ZDF sein will und bei seiner Unterhaltung nur eine scheinbare Alternative zu RTL & Co.

Günter Struve ist bestrebt, die Publikumslieblinge, die zu den Privaten abgewandert sind, wieder für das Erste zu gewinnen. Sandra Maischberger, Reinhold Beckmann kehren zurück, und beinahe schafft er es auch bei Günther Jauch, der aber aus Widerwillen vor dem Gremienterror in den ARD-Sendern absagt. Die „Sportschau“ wird wieder mit der Bundesliga aufgepumt, die Formel 1 verpasst der ehemalige Handballer und erklärte Ballsportfreund Struve – die Tour de France verpasst er nicht. In der Hybris der ARD, nur das Erste dürfe der Jan-Ullrich-Sender im Land sein, gibt es einen erst später bekannt gewordenen Exklusivvertrag mit dem Radfahrer. Dieser Skandal streift Struve nur so eben, wie der Schleichwerbeskandal bei den Vorabendserien wie „Marienhof“. Struves Weste bekommt ein paar Spritzer ab, mehr ist es nicht.

So ein Programmdirektorat ist kein reines Vergnügen, es ist permanente Abstimmung, Überzeugen, Drohen und Schachern. Von manchem Intendanten hält er wenig, trotzdem möchte er selber einer werden. Beim Sender Freies Berlin will es ihm nicht gelingen, auch nicht beim Zweiten Deutschen Fernsehen. Struve bleibt Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens, und er bleibt es bis ins 68. Lebensjahr hinein.

Günter Struve, Doktor der Politologie, hat das deutsche Fernsehen mit auf seinen Höhepunkt geführt. Jetzt wird es für das Medium eng. Die Nutzung ist von 202 Minuten je Durchschnittsbürger je Durchschnittstag (2004 bis 2006) auf 192 Minuten im vergangenen Jahr gesunken. Schuld sind die Jugendlichen. Eine Untersuchung nach der anderen weist aus, dass bei den Deutschen 14 plus der Computer das Fernsehen in der Beliebtheit und in der Intensität des Gebrauchs ablöst. Darauf muss jeder Fernsehsender eine, seine Antwort finden. Günter Struve nicht, er geht am 31. Oktober.

Er hatte die Herausforderung der kommerziellen Konkurrenz angenommen – und das Erste Deutsche Fernsehen hat sie unter seiner Führung bestanden. Die neue Herausforderung ist die Sache von Volker Herres, Fernsehprogrammdirektor des Norddeutschen Rundfunks und ab 1. November der Nachfolger von Günter Struve im Amt des ARD-Programmdirektors. Was Herres reißen wird, wird sich Struve vielleicht aus großer Ferne anschauen, als ARD-Programmscout in Los Angeles. Dort leben seine Tochter und seine heißgeliebten Enkel. Und, wer weiß, vielleicht wird der „schleswig-holsteinische Bauer“ (S. über S.) jene US-Serien empfehlen, die er dem ARD-Publikum nie zumuten wollte. Es muss ja nicht gleich „Californication“ sein.

Ob die Titelthese der Berliner Ausstellung „Fernsehen macht glücklich“ stimme, wurde Günter Struve von dieser Zeitung gefragt. „Nein“, hat er geantwortet. Aber unglücklich als Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen ist er nicht geworden. Macht heilt, Erfolg versöhnt.

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