Günther Jauch : Griechenland retten: Nicht rational, aber sympathisch

Griechenland um jeden Preis retten? Oder raus aus dem Euro? Darüber diskutiert Günther Jauch mit seinen Gästen - und wird dabei fast von der Wirklichkeit überholt.

Gerd Appenzeller
Günther Jauch
Günther JauchFoto: dpa

Das war volles Risiko! An einem Abend über den Grexit, den Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone als Entscheidung zwischen Katastrophe oder Neuanfang zu diskutieren, an dem der Chef der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, gerade die Gespräche mit Griechenland wegen unüberbrückbarer Differenzen abgebrochen hat, gleicht dem gerne beschworenen Ritt auf der Rasierklinge, den man nur überlebt, wenn man rechtzeitig abspringt. Es ist der Abend von Günther Jauchs Sendung aus dem Gasometer, an dem sich die Nachrichtenlage schneller ändern kann als der Informationstand derer, die sich der Moderator als Gäste geladen hat.

Das sind Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlamentes, der Griechenland unbedingt im Euro halten will; der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, der einem dritten Rettungspaket für Griechenland nicht zustimmen wird und für den Fall, dass dies zur Abstimmung steht, seinen Rücktritt vom Mandat ankündigt; Ulrike Herrmann, Wirtschaftskorrespondentin der "taz", die fest an einen Kompromiss zwischen Griechenland und seinen Gläubigern glaubt, sich aber mit dem vierten in der Runde, dem Volkswirt Max Otte darin einig ist, dass das Geld  sowieso verloren ist.

Günther Jauch wollte angeblich schon vor einem Jahr hinschmeißen

Warum tut sich Jauch, der gerade vor einem Vierteljahr den griechischen Finanzminister spektakulär zu Gast hatte, dieses Thema an, bei dem es einfach keine einvernehmliche Lösung geben kann, weil nicht nur die Positionen völlig konträr sind, sondern auch die Faktenlage im Fluss? Will er seinen Kritikern zeigen, dass er auch bei einem so komplizierten Thema, anders als seine Kritiker behaupten, Herrn der Fakten ist? Immerhin haben an diesem Wochenende "Spiegel" und "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", als speiste sich ihre Nachrichtengebung aus sehr ähnlichen, wenn nicht den gleichen Quellen, darüber berichtet, dass Jauch schon vor einem Jahr den Bettel hinschmeißen wollte, frustriert über die permanente Bedenkenträgerei und die Einwürfe der ARD-Oberen.

Jauch hat es an diesem Abend leicht, weil seine Gäste das Geschäft der Konfrontation gut besorgen. Zwar bleibt Max Otte merkwürdig farblos, er hofft auf den Grexit, und dass man ihn geladen hat, hängt nur damit zusammen, dass er 2006 eine globale Finanzkrise prognostizierte, die dann zwei Jahre später auch eintrat. Ulrike Herrmann ist erfreulich deutlich, sie glaubt zwar am Ende an einen Kompromiss, geht aber davon aus, dass die Schulden Griechenlands nie zurückgezahlt werden.

Schulz und Bosbach bringen Leben in die Bude

Für Leben in der Bude sorgen vor allem Schulz und Bosbach. Nicht etwa nur, weil sie sich zwar beharken, aber zwischendrin anfangen, sich gegenseitig zu duzen, weil beide Anhänger des 1. FC Köln sind und damit durch gemeinsames Leid gestählt. Nein, Bosbach der Gegner des dritten Rettungspaketes und Schulz, der das irgendwo befürwortet, haben Angst vor einem Zusammenbruch Griechenlands, vor dessen Abdriften aus der EU, vor einem Zusammengehen mit Russland oder wem auch immer. Schulz sagt, er kämpfe bis zur letzten Sekunde für einen Kompromiss, und irgendwie traut man genau das auch Bosbach zu.

Fazit nach einer Stunde Talk vor 5,02 Millionen Zuschauern: Man sorgt sich mehr um die Griechen als Opfer einer seit Jahrzehnten falschen und heuchlerischen Politik als ums Geld. Das ist nicht rational, aber sympathisch, und Jauch hat's gut rübergebracht.

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