Medien : Günther Maria Halmer im Gespräch: "Ich habe die Eitelkeiten durchschaut"

Herr Halmer[nach dreizehn Jahren hält das ZD]

Günther Maria Halmer, 58, gehört zu den ambitioniertesten deutschen Schauspielern. Mehrmals stand er auch für Hollywood-Produktionen vor der Kamera. Im ZDF gab er 13 Jahre lang den Anwalt Abel - nun wird die Figur in Rente geschickt.

Herr Halmer, nach dreizehn Jahren hält das ZDF die Geschichten um den Anwalt Abel für ausgereizt. Stimmen Sie zu?

Ich habe großes Vertrauen in die Verantwortlichen. Man würde sicherlich nichts absetzen, das in der Gunst des Publikums noch besonders stark wäre.

Abels Fälle haben sich von psychologisch orientierten Geschichten mehr in Richtung Action entwickelt. War das in Ihrem Sinne?

Nein, das habe ich nicht so gerne gesehen. Weil wir aber vom Montag auf den Samstagabend geschickt wurden, mussten wir uns mit den Krimis messen. Und ein Krimi muss nun mal anders erzählt werden, als ein Justiz-Drama, wo es mehr um Psychologie geht und um die Geschichte, die hinter dem Verbrechen steckt.

Abel ist mit Ihnen gealtert und Sie mit ihm. Wie sehr wächst einem eine solche Figur über die Jahre ans Herz?

Das spult man nicht einfach so herunter. Ich mochte diesen Anwalt, und es sind einem Schauspieler beileibe nicht alle Figuren sympathisch, die er spielt. Es schmerzt mich, dass die Arbeit mit diesem Team zu Ende gegangen ist. Mit Fred Breinersdorfer hatten wir stets ein und denselben Autor. So zeichnete sich die Figur durch Kontinuität aus, was kaum der Fall ist, wenn, wie branchenüblich, zehn oder noch mehr Autoren an den Geschichten herumfummeln.

Ist für einen wie Abel, der auch schon mal unbequem ist, kein Platz mehr im TV?

Das glaube ich nicht, für gute Figuren sollte immer Platz sein, und Abel war schließlich beim Publikum und bei den Schauspielern gleichermaßen beliebt. So hatten im Laufe der Jahre mit Bruno Ganz oder Helmut Berger Kollegen Gastauftritte, die sonst kaum in Serien zu sehen sind.

Wird der Platz auch weniger für einen wie Günther Maria Halmer?

Ich persönlich kann mich nicht beklagen. Grundsätzlich aber ist es schon so, dass die Über-50-Jährigen nicht mehr so in die Drehbücher integriert werden, wie das mit den Jüngeren der Fall ist.

Sie haben es sich nicht immer leicht gemacht mit dem Leben, und Ihre Umwelt nicht mit Ihnen. Haben Sie sich Chancen verbaut, wäre mehr drin gewesen?

Bestimmt sogar. Grübeln und Nachdenken verschließen einen vor dem Leben und manches geht dann an einem vorbei. Ich musste erst lernen, mich dem Leben zu öffnen. Im Laufe der Jahre wird man pragmatischer. Ich war nie unbequem in dem Sinne, dass ich den Betrieb gestört hatte. Ich habe lediglich meine Rollen hinterfragt, und die meisten Regisseure wissen das auch zu schätzen.

Als einer der wenigen deutschen Schauspieler haben Sie Hollywood-Erfahrung gesammelt in modernen Klassikern, wie "Gandhi" oder "Sophies Entscheidung"...

Mein Streben und Sehnen hat sich nie nach Hollywood ausgerichtet, weil ich davon ausgegangen bin, dass man dort als Deutscher auf Dauer gar keine Chance hat, außer als böser Nazi in irgendwelchen Filmen über den Zweiten Weltkrieg.

Ist man in Deutschland nicht zu schnell mit sich selbst zufrieden und vergisst über den Tellerrand hinaus zu blicken?

Auch bei uns gibt es Regisseure wie Helmut Dietl, die sich durchaus selbstkritisch beleuchten. Die Hoffnung der Deutschen auf einen internationalen Star wird jedenfalls kaum über Hollywood zu erfüllen sein. Ich halte es für wichtig, dass wir uns unsere Stars wieder selbst aufbauen. Dass das durchaus funktionieren kann, haben doch Leute wie Hanna Schygulla bewiesen.

Was soll man also tun?

Nehmen wir Bayern. Was ich hier mag, ist diese Form des gesunden Patriotismus, der nicht aggressiv ist. Die Leute hier sind nie sonderlich aufgeregt, sie sind zufrieden mit sich und ihrem Leben. Diese Art von Selbstbewusstsein würde auch dem deutschen Film gut tun. Solange wir das aber nicht lernen, bleiben wir die Loser.

Eine Ausnahme von der Regel, dass deutsche Kino-Filme nicht funktionieren, war "Die innere Sicherheit", ein Drama über RAF-Aussteiger, in dem Sie auch zu sehen waren.

Ein hervorragender Film - umso trauriger, dass dieser Film beim Publikum nur wenig Anerkennung gefunden hat. Das liegt am Klima des Deutschseins. Wir sind verhunzt von amerikanischen Filmen. Wenn Sie täglich Hamburger essen, dann werden Sie irgendwann den Geschmack von Austern nicht mehr zu schätzen wissen.

Sie haben von gesundem Patriotismus gesprochen, im Augenblick eine gewagte These...

Warum? Angst macht mir eher, dass diese Skinheads unser Image im Ausland ruinieren. Das sind Wahnsinnige, und ich kann nicht glauben, dass diese Leute wirklich politisch motiviert sind. Während die RAF in den Siebzigern aus Intellektuellen bestand, handelt es sich hier um tumbe Chaoten. Kürzlich hatte ich einen Amerikaner vietnamesischer Abstammung zu Gast, und es ist beschämend, dass ich auf seine Frage, ob er abends in Berlin ausgehen könne, nicht mit gutem Gewissen zuraten konnte.

Was halten Sie von der Nationalstolz-Debatte?

Ich halte Stolz in jeglicher Form für keine gute Eigenschaft. Das lehne ich ab, das ist kleinkariert. Gegen eine nationale Identität ist aber nichts einzuwenden. Ich selbst habe aber zuviel gesehen in der Welt, als dass ich mich an eine Region binden wollte.

Stichwort viel gesehen: Abel steigt aus und geht nach Südfrankreich. Sie selbst sind in jungen Jahren nach Kanada gegangen. War das Abenteuerlust, war das Flucht?

Wohl von beidem ein bißchen. Ich wollte heraus aus meinem Käfig, in dem ich mir die Nase blutig geschlagen hatte.

Träumen Sie diesen Traum heute noch?

In gewisser Weise bin ich schon durch meinen Beruf ein Aussteiger. Davon aber, im Sommer in irgendwelchen Hafenkneipen herumzusitzen, träume ich nicht mehr. Das sind Kinderphantasien, und die kann ich in meinen Filmen ausleben.

Sie sind seit 25 Jahren verheiratet, ungewöhnlich in einer Branche, in der der Marktwert sich darüber definiert, wie oft man in der "Bild"-Zeitung auftaucht.

Ich bin ernsthaft, führe ein sehr seriöses Familienleben und durchschaue die Eitelkeiten in der Welt. Das hat mir nie etwas gegeben. Ich langweile mich, wenn ich zu irgendwelchen Parties gehen muss und sehe, wie dann am kalten Buffet hemmungslos gefressen wird. Und das sollen dann die Hausfrauen beim Friseur lesen. Das ist mir einfach zu obszön!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben