Medien : Gute Männer, schlechte Männer

Viele Opfer und ein ziemlich großes Beziehungs-Kuddelmuddel im neuen WDR-„Tatort“

Thomas Gehringer

Auch in einem Krimi muss man die beteiligten Personen erst einmal vorstellen. Im „Tatort: Liebe am Nachmittag“ geschieht das zu Beginn in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Mann eins rast mit dem Auto in die Nacht, Frau eins rennt ans Fenster, Frau zwei tritt vor einer Gartenhecke aus dem Schatten. Frau eins ruft Mann zwei an, der jedoch gerade mit Mann drei telefoniert. Mann zwei beendet das Telefonat und schaltet das Handy aus, dabei erscheint Frau drei als Bildschirmschoner auf dem Display. Macht zusammen sechs Personen, zwei weitere Männer fehlen noch. Innerhalb dieses verhängnisvollen, achtköpfigen Beziehungsgeflechts werden am Ende drei Opfer zu beklagen sein.

Der erste Tote in diesem leider etwas schwerblütigen Krimi-Kuddelmuddel ist Jost Brüggmann, ein 50-jähriger Versicherungskaufmann. Die Rolle ist freilich so klein, dass der Name des Darstellers nicht einmal in der Stabliste Erwähnung findet. Brüggmann hat vom Rendezvous seiner Frau Lene (Angela Roy) mit Ahmet Turgut (Erhan Emre) Wind bekommen, rast anstelle von Lene zum Treffpunkt und hält Ahmet eine Pistole unter die Nase. Doch die Kugel landet seltsamerweise in Brüggmanns Körper. Dass Ahmet irgendwie beteiligt ist, weiß nur das Publikum. Die Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) verdächtigen anfangs Lene Brüggmann, die nach dem Tod ihres Mannes eine stolze Summe erben wird.

Das Drama variiert ein uraltes Thema: Wie fremd sich Männer und Frauen sind, und wie sehr sie sich dennoch begehren. Das geht gleich ganz hübsch los. Kommissar Ballauf zitiert eine Zeitungsmeldung: Die Lebenserwartung von Männern liege um sieben Jahre niedriger. Die Gründe seien Stress, Unfälle und schlechte Ernährung. Sein Kollege Schenk, gerade in den Verzehr von Currywurst und Pommes vertieft, setzt zu einer Klagerede über diese „himmelschreiende Ungerechtigkeit“ an. „Wir malochen wie die Tiere – und die Weiber? Gehen shoppen und geben unser Geld aus.“ Das spricht selbstverständlich für sich, doch auf diese Weise geht es nicht weiter. Autor Norbert Ehry und Regisseur Manuel Flurin Hendry durchschreiten allzu humorlos den Graben zwischen Mann und Frau.

Vordergründig betrachtet werden den Herren dabei ordentlich die Leviten gelesen. Ehemänner sind hier fies und unsympathisch wie Roman Vandenberg (Bernhard Schütz), dem eine Oldtimer-Werkstatt gehört. Oder sie sind stur und unsensibel wie Kommissar Schenk (Dietmar Bär), dessen Frau eine Fortbildung begonnen hat und der sich nun auf das ungewohnte Terrain Hausarbeit begeben muss. Schenk streitet ziemlich häufig am Telefon mit seiner nach wie vor unsichtbaren Ehefrau Susanne. Die Kinder sind aus dem Haus, die Frau will etwas Neues ausprobieren, Schenk ist verunsichert – die private Nebenhandlung ist wieder passend zum Fall gebaut, aber originell ist das auf die Dauer nicht.

In seiner verletzten Männlichkeit möchte Schenk so schnell wie möglich erst die Witwe Lene, dann ihren jungen türkischen Liebhaber hinter Gitter bringen. Zumal sich Ahmet als Callboy „Romeo“ entpuppt, der ebenso wie sein Kumpel Kalle für 750 (zwei Stunden) oder gar 6000 Euro (eine Woche) zu buchen ist. So bessern sie ihr Gehalt als Kfz-Mechaniker in Vandenbergs Werkstatt auf. Freilich dürfen Frauen hier käufliche Liebe nicht aus purem Vergnügen in Anspruch nehmen, sie tun es aus einer Opferrolle heraus, als von ihren Männern vernachlässigte Partnerinnen: „Männer wie Sie“, sagt Lene Brüggmann verächtlich zu Schenk, „Sie und Ihre Art zu leben. Zum Sterben zu viel und zum Leben viel zu wenig.“ Jeder Cent, den sie in Ahmet investiert habe (es waren 80 000 Euro), sei gut angelegt gewesen. Anschließend fällt sie in Ohnmacht.

Die undurchsichtige Michelle Vandenberg ist das Gegenmodell: Sie bedauert die „armen Männer“ und lässt sie für sich arbeiten – eine selbstbewusste, aber nicht weniger einsame Figur. Jeanette Hain und Angela Roy haben einige eindrucksvolle Auftritte, dennoch wirken die Emotionen und Beziehungen in diesem Film künstlich und konstruiert. Schließlich kommt noch eine Prise Multikulti mit hinein, denn Ahmet hat eine junge türkische Freundin, deren Vater mit der Beziehung nicht einverstanden ist. Das ist alles in allem ein bisschen viel auf einmal – schade für das Kölner Team, das nur noch selten mit einem aus dem üblichen „Tatort“-Alltag herausragenden Stoff aufwartet.

„Tatort – Liebe am Nachmittag“, ARD, 20 Uhr 15

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