Medien : Hämatokrit und Hinkelsteine

Die frühe Führung von Alejandro Valverde bei der Tour de France fährt ARD und ZDF in die Parade

Kurt Sagatz

Da waren Peter Leissl und Michael Pfeffer sprachlos, soweit man dies überhaupt von zwei Sportkommentatoren sagen kann. Kurz sah es so aus, als ob die erste Etappe der Tour de France 2008 mit einer Riesenüberraschung enden würde – ganz im Sinne der TV-Zuschauer und der beiden öffentlich-rechtlichen Toursender von ARD und ZDF. Einen Kilometer vor der Ziellinie tat sich für Stefan Schumacher vom Team Gerolsteiner die große Chance für das Gelbe Trikot auf. Am Ende passierte jedoch das, was niemand erwartet hatte, zumindest nicht in einer so frühen Tour-Phase. Alejandro Valverde von Caisse d’Epargne lässt alle anderen Fahrer stehen, fliegt davon, wie es bei Eurosport heißt, und schießt als Erster über die Ziellinie im bretonischen Plumelec. Dazu wollte Leissl und Pfeffer nur wenig einfallen. Und auch die ARD, die am zweiten Tag die Berichterstattung übernahm, stand unter leichtem Schock. „Valverdes Erfolg ist hoffentlich kein Fanal, sondern nur das Ergebnis einer Etappe“, sagte Moderator Michael Antwerpes.

Die Frankreichrundfahrt 2008, gerade erst einen Tag war sie alt, und schon lag einer jener Fahrer vorn, dessen Trikot zwar juristisch rein sein mag, dessen Name aber nach wie vor verbunden ist mit dem spanischen Dopingskandal um den Arzt Eufemiano Fuentes. Wer von ARD und ZDF glaubte, es reiche aus, wenn der Tourveranstalter einen Rennstall wie Astana auslädt, sah sich nach Valverdes Etappensieg eines Besseren belehrt.

Gerade erst war es das Feld durch die bretonische Region Morbihan mit ihren Hinkelsteinen noch einer Ausreißergruppe von acht Fahrern hinterhergerast. Zur großen Freude der Fernsehkommentatoren gehörte zu dieser Gruppe auch der Berliner Björn Schröder, der sich mit dem Franzosen Thomas Voeckler ein Duell um das Bergtrikot lieferte. Genauso hatte man sich das vorgestellt. Kein langweiliger Zeitfahrprolog zum Start, dafür viel Tourromantik mit deutscher Beteiligung in einer der schönsten Landschaften Frankreichs. Leissl und Pfeffer wurden nicht müde, an den Bretonen Bernard Hinault zu erinnern, der zwischen 1978 und 1985 fünf Mal die Tour gewann und mit dafür verantwortlich ist, dass in der Bretagne ein „radsportverrücktes Völkchen wie kein zweites“ lebt. Auch das Erste setzte auf die Tour-Historie und ließ Hinault sogar mit Marcel Wüst noch einmal die „Mauer der Bretagne“ hochradeln.

Über Alejandro Valverde hatten die ZDF-Kommentatoren bereits während der Etappe geredet. Dass er gern zu Späßen aufgelegt sei. Aber auch über seine andere Seite wurde gesprochen: „Was die unerlaubte Vorbereitung auf ein Rennen angeht, hat Valverde seine Erfahrungen gesammelt“, erfuhr der Zuschauer, bevor sich die Kommentatoren über die Blutbeutel bei Eufemiano Fuentes mit der Aufschrift „Valv.Piti“ und den gleichnamigen Hund Piti des Rennfahrers unterhielten. Aber: „76 Prozent der Franzosen sind weiter an der Tour interessiert, vor allem an der Kombination aus Sport und Tourismus.“ Eine echte Tour durchs Land und die Zuschauer haben den Logenplatz, so hatten es sich nicht nur die Kommentatoren erhofft. Durchschnittlich 860 000 machten davon am Samstag in Deutschland Gebrauch. Der Marktanteil von 10,3 Prozent lag nur knapp über der vorgegebenen Messlatte von zehn Prozent.

Den öffentlich-rechtlichen Sendern konnte niemand vorwerfen, das Dopingthema zu vernachlässigen. Noch vor dem Rennstart in Brest wurden die Zuschauer über die Schattenseite des Radsports informiert und der geständige Doping-Sünder Jörg Jaksche, dessen Sperre unlängst abgelaufen ist, forderte im ZDF-Interview einen verbindlichen biologischen Pass für die Fahrer. Auch dem von Chefredakteur Nikolaus Brender formulierten Auftrag, das ZDF solle als journalistischer Beobachter rund um die Tour auf die Einhaltung eines sauberen Wettbewerbs samt korrekter Hämatokritwerte achten, kamen die TV-Journalisten nach. Direkt nach dem Zieleinlauf hatten sich Reporter an die Doping-Kontrolleure geheftet, die die Fahrer überwachen. „Sieben Fahrer wurden getestet, die ersten drei und noch vier weitere“, ergaben die Recherchen. „Kein Grund zur Beunruhigung. Das Testsystem greift“, schloss der Reporter.

Den Kommentatoren der ARD, Florian Kurz und Florian Naß, kamen daran am Sonntag Zweifel. „Es gibt wohl kaum einen Fahrer, der so in Verdacht steht, Kunde von Fuentes gewesen zu sein als Valverde“, sagten sie und ergänzten, dass ihnen „zehn geläuterte Jaksches und Sinkewitz lieber wären als ein Valverde.“ Die zweite Etappe konnte der Spanier nicht für sich verbuchen, die ging an den Norweger Thor Hushovd. Das Gelbe Trikot trägt Valverde am Montag jedoch weiter.

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