Medien : Hände hoch, oder ich filme!

Polizei-Reality-Serien breiten sich im Fernsehen aus. Die Polizei schätzt die Öffentlichkeitsarbeit – weil sie aufklärt

Pieke Biermann

Polizist scheint derzeit der Deutschen Traumberuf zu sein, glaubt man der „Empirie der Fernbedienung“. Genauer: der Schupo mit und ohne Uniform. Reality TV. Auslöser für den Boom sind vermutlich „Toto & Harry“, seit 2002 immer mal wieder auf Sendung bei Sat 1, gefilmt bei ihren Einsätzen in Bochum-Mitte. Die beiden Bochumer Polizeikommissare hatten trotz mitternächtlichem Sendeplatz auf Anhieb eine Million Zuschauer. Seitdem sie um 22 Uhr 15 laufen, sind es im Schnitt 2,8 Millionen. Toto und Harry haben „die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert“, meldet stolz das Sat-1-Presseheft. Kein Wunder – sie sind Polizisten mit Herz und Schnauze. Intelligent, nachdenklich, lebensklug. Die Schnauze ist Ruhrpott pur.

Die Zeit der ideologischen Scheuklappen scheint vorbei zu sein. Die Polizei ist bürgernäher und legt Wert auf ein positives Bild beim Bürger – und der mag seine Polizei endlich auch als Menschen mit einem schwierigen, wichtigen Beruf kennen lernen. Das macht die Arbeit ein bisschen leichter. Aber gerade solche Sendungen sind heftig umstritten – in der Polizei selbst.

„In Berlin wär’ so eine Serie nicht möglich“, seufzt Jutta Wegner, die Medienbeauftragte der Berliner Polizei. Bei ihr gehen die Anfragen ein, wenn wieder ein Fernsehteam vorhat, Polizisten bei der Arbeit zu filmen. Oder auch nur mal Mäuschen auf einem Abschnitt zu spielen, um wirklich realistische Fiction entwickeln zu können. Das schafft Probleme für die Polizei. Erstens will und darf sie nicht ihr „taktisches Besteck“ preisgeben – auch wenn das heute in jedem zweiten US-Film ausgebreitet wird. So erklärt sich die heftige Reaktion des Münchner Polizeisprechers auf den BR-„Tatort“ vom letzten Sonntag, in dem das Vorgehen der Polizei bei einer Geiselnahme detailliert dargestellt wurde. „Das sind polizeitaktische Details, die nicht in die Öffentlichkeit gehören“, sagte er.

Problem Nummer 2 ist betriebsintern: Wer im Fernsehen ist, weckt oft Neid. Das ist menschlich. Da hatte der Kripo-Kommissar, der zufällig dank Dienstplan ein paar sensationelle Fälle nacheinander hatte, gute Karten bei der Zeitung, aber schlechte bei vielen Kollegen. Andererseits, argumentiert Jutta Wegner seit Jahren: In Zeiten leerer Kassen gibt’s kein Geld für Imagepflege, da ist man froh, wenn Medien selbst das alte Image der Polizei als obrigkeitliche Behörde durch ein positives, modernes ersetzen helfen.

So ähnlich sah es 2001 der Bochumer Polizeipräsident, erzählt Ulrich Schwind. Der 46-jährige „Vater von Toto und Harry“ kam vom WDR über die damals neu gelegte „Infoschiene“ zu RTL, drehte Magazinbeiträge und die Miniserie „Kripo Duisburg“ und entwickelte aus der Erfahrung mit realen Kripobeamten die Idee mit den Streifenpolizisten. Bochum wurde Drehort, weil der Polizeichef nicht gleich strikt „nein!“ sagte. Man fand zwei Beamte, die auch bereit waren. Auch Toto und Harry bekamen nach der ersten Staffel Kollegenschelte. Die gab sich bald. Der Polizeipräsident konnte seinen Mitarbeitern klarmachen, erzählt Schwind, dass „Toto & Harry“ kein Lehrfilm für die Polizei ist.

Kontrolle und Vertrauen

Wie kriegt man so eine Kooperation hin?„Für die Behörde war wichtig, dass wir die Einsätze nicht stören und die Datenschutzvorschriften beachten“, sagt Schwind. Privatpersonen werden immer unkenntlich gemacht, Namen akustisch ausgeblendet. Ist die Kamera unerwünscht oder hindert die Beamten an der Arbeit, wird sie ausgemacht. Wollen Leute auch gepixelt nicht ins Fernsehen, wird die ganze Sequenz notfalls rausgeschnitten. Klare Absprachen und jetzt im dritten Jahr auch Vertrauen. Aber das ist erst die halbe Miete für Filmemacher.

„Für uns war das Allerwichtigste die Sprache“, erzählt Schwind. Wer je erst ohne und dann mit Mikrofon und Kamera mit Polizisten geredet hat, weiß, was er meint. „Wir wollten auf keinen Fall Amtsdeutsch – wir brauchten Beamte, die reden wie Bürger.“

Und sowas soll in Berlin nicht machbar sein? Doch, sagt der Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch. „Aber was wir zum Beispiel nicht wollen, ist eine Darstellung à la Menschen – Tiere – Sensationen. Übertriebene Einzelfälle mit schiefen Bildern, die hochgepuscht werden und auch ein falsches Bild über Kriminalität vermitteln.“ Der Bürger soll etwas von der Realität lernen, die Polizei soll etwas dabei gewinnen. Eine angenehm klare Ansage. Seriöse Konzepte, seriöse Aufmachung und die Achtung des Rechts eines jeden Bürgers darauf, dass ihm die Polizei nicht gewohnheitsmäßig Kameraleute ins Haus schleppt. „Ich nehme da für uns ein Auswahlrecht in Anspruch – wir müssen nicht mit jedem zusammenarbeiten.“

Dass eventuelle Täter oder Zeugen ungepixelt zu sehen sind, geht für Glietsch nicht, Sprache und Umgangsformen sind auch für ein sensibles Thema. In der Pro-7-Serie „Die Cops“ zum Beispiel sahen 1,5 Millionen Zuschauer die AGA, eine operative Gruppe von Berliner Polizisten, die in Zivil, aber nicht undercover bestimmte kriminelle Ausländergruppen „bearbeiten“ – Betrüger-, Autoschieber- und Menschenhändlerbanden. Ein raues Pflaster mit oft rauem Ton. Wenn Leute bei Einsätzen unterschiedslos geduzt werden, gefällt das Glietsch gar nicht. „Man muss nicht jeden duzen, um seine Aufgabe erfüllen zu können, auch nicht in ,rauen’ Szenen.“

Es lässt sich nur auch nicht überall vermeiden. Wenn die erste und wichtigste Waffe der Polizei das Reden ist, muss man verstanden werden. Wo die Klientel kaum Deutsch spricht, ist elaboriertes Siezen kontraproduktiv, wo sie auf Gewalt gepolt ist, ist sie mit höflichen Worten kaum zu beeindrucken. Das ist weltweit so und Glietsch klar. Er hat einerseits Interesse daran, dass „wir unsere Arbeit positiv verkaufen. Und da wuchern wir noch zu wenig mit unseren Pfunden.“ Gleichzeitig ist er verantwortlich für seine Mitarbeiter und muss kalkulieren – „den Aufwand, die Risiken und Nebenwirkungen.“ Wenn ein Kamerateam ein Polizeiteam länger begleitet, bedeutet das auch eine Menge Extraarbeit.

Jens Niehuss, der die drei „Cops“- Folgen gedreht hat, ist Vollblutreporter seit zwanzig Jahren. Der 45-Jährige kam vom Bayerischen Fernsehen und war Sonderkorrespondent in der Sat-1-Nachrichtenredaktion. Sein Gebiet sind „harte Themen“ – Militär, Technik, Polizei. Seine Reportage über den Flugzeugträger USS Roosevelt im Einsatz während der Afghanistan-Invasion bekam den Bayerischen Fernsehpreis.

Gute Reportagen hängen von den Menschen ab, die darin vorkommen. Nur so lässt sich Vertrauen zwischen Filmern und Gefilmten herstellen. Aber auch für die Polizei ist Vertrauen nur die halbe Miete. Kontrolle an der richtigen Stelle darf schon sein. „Da haben wir handwerkliche Fehler gemacht“, räumt Karsten Gräfe ein, der Stabsleiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. „Wir waren nicht nahe genug dran.“

Peter Daube, sein Pendant in der Direktion 3, zu der die AGA gehört, sagt es so: „Wir werden künftig bei Endabnahmen dabei sein – wir verhelfen schließlich mit unserer Gratisleistung einem Sender zu Einschaltquoten, da wird er das akzeptieren müssen.“ Mit dem „rauen Ton“ und den kessen Sprüchen der „Cops“-Folgen hat er kein Problem. Er hätte aber gern die knallige Aufmachung verhindert: die Trailer, Off-Kommentare und Pressetexte, in denen dauernd vom „heißesten Pflaster Deutschlands“ und einem „Sondereinsatzkommando Berlin-Mitte“ die Rede ist. Wir leben nicht mehr im Nazistaat mit „Sondereinsatzkommandos“. Das sollten deutsche Fernsehsender eigentlich wissen.

Insofern kann „Polizeikontrolle“ die Position von Filmemachern sogar stärken. Denn für Trailer sind sie so wenig zuständig wie ein Zeitungsreporter für Titel. Gute Reporter wissen: Gute Filme über gute Polizeiarbeit sind nur möglich, wenn beide Seiten wirklich kooperieren. Auf die „Schnittmenge“ kommt es an. Dieter Glietsch hält die Berliner Polizei da noch für zu reaktiv und denkt über „pro-aktive Öffentlichkeitsarbeit“ nach: „Wir sollten uns fragen: Was haben wir noch außer Raub-Mord-Totschlag, das alle interessieren könnte? Wo stehen Kollegen nicht dauernd im Blickpunkt und machen wichtige Arbeit?“

Pieke Biermann ist Krimischriftstellerin. Bereits drei Mal hat sie den renommierten Deutschen Krimipreis erhalten.

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