Medien : "Hängegesichtsfotos - wenn Hängepartie ist"

Gestern ist der CDU-Parteitag zu Ende gegangen. In

Evelyn Roll ist leitende Redakteurin der "Süddeutschen Zeitung".

Gestern ist der CDU-Parteitag zu Ende gegangen. In den Medien wurde er zur letzten Chance für Angela Merkel auf die Kanzlerkandidatur hochstilisiert. Offenbar hat sie ihre Chance genutzt. Ihr Medienbild hat sich jedenfalls in einer Woche komplett verändert. Wie kommt das?

Die Journalisten haben einfach auf die Realität reagiert. Vorher wurde Merkel schwächer eingeschätzt, als sie wirklich war. Vielleicht haben manche die Stimmung in der Fraktion mit der Stimmung in der Partei verwechselt. Die Gefahr ist groß, denn die meisten von uns arbeiten in Berlin. Wir halten also immer den Mitgliedern der Bundestagsfraktion die Mikrofone unter die Nase. Wer dagegen in den letzten Wochen draußen im Land auf den Regionalkonferenzen der CDU war, der spürte schon vor dem Parteitag, dass die Stimmung in der Partei kippt.

Ihre Biografie über Angela Merkel handelt an vielen Stellen vom Umgang der Medien mit der CDU-Chefin. Manchmal, schreiben Sie, bekommt Merkel eine Sonderbehandlung, weil sie eine Frau ist.

Eine Frau verleitet dazu, und da nehme ich auch die so genannten Leitmedien nicht aus, Politikprobleme an Charaktereigenschaften entlang zu diskutieren und darüber die strukturelle Analyse zu vergessen.

War das beim Dresdner Parteitag auch so? Stand hinter der Berichterstattung die Frage: Kann Angela Merkel das mit der Kanzlerkandidatur - als Frau?

Würde ich in dem Fall nicht sagen. In Dresden wurde einfach eine Parteichefin gefilmt, die eine ziemlich gelungene Rede hält.

Sie beschreiben in Ihrem Buch verschiedene Spielarten davon, wie die Medien die Autorität von Angela Merkel ausgehöhlt haben. Eine ist, dass die "Bild"-Zeitung Merkel anfangs immer als "tapfer" und "tüchtig" beschrieben hat. Was nett klingt, ...

aber vernichtend ist. Wie würden Sie es denn finden, wenn in Ihrem Arbeitszeugnis stehen würde: Sie war immer tapfer und tüchtig? Tapfer - klingt nach tapferem Schneiderlein und nicht nach Kanzler ...

... was Merkel ja mal werden will. Ist die direkte Tour fairer, wenn also die "B.Z." Merkel fragt: "Sind Sie weicher als Stoiber?"

Ich kenne das Interview nicht. Was hat Merkel geantwortet?

Sie antwortete: "Ich bin Angela Merkel und sicherlich längst nicht zu weich, wie manche denken."

Ich finde, das ist eine gute Antwort. Wenn sie akademisch antworten würde, wenn sie zum Beispiel sagen würde, es gibt da gerade eine Studie der Uni Potsdam, aus der hervorgeht, dass die weichen, weiblichen Führungsqualitäten die des nächsten Jahrtausends sind, dann wäre sie ungeschickt. Weil sie die Frage annehmen würde.

Dafür klingt ihre Antwort so spröde.

Klar, weil sie nicht sagt, was sie wirklich denkt. Sie wird denken: Ja, natürlich bin ich weicher, und darum bin ich geeigneter. Aber man sagt in den Medien als Frau besser gar nichts zum Mann-Frau-Thema. Sonst heißt es schnell: Das Mädel beschwert sich. Und wer sich beschwert, wird in den Medien zum Objekt. Das ist so ziemlich die wichtigste Regel, wenn man in der Öffentlichkeit steht: Man muss immer darauf achten, Subjekt zu bleiben. Das hat Schröder fabelhaft drauf, der handelt immer und wird auch immer als Handelnder beschrieben - im Gegensatz zu Rudolf Scharping, der im Swimmingpool geknutscht wird. Wer zum Objekt wird, hat ein großes Stück Führungsanspruch verloren.

Merkels letzte "Bild"-Titelzeile lautete: "Die Männer machen Merkel kaputt." Hier wird sie eindeutig zum Objekt gemacht. Wollte die "Bild" Merkel damit demontieren?

Nein. Ich würde die Schlagzeile eher unter dem Begriff "Entdeckung einer These" fassen. Die These kann man, wenn man Angela Merkel verfolgt, schon ziemlich lange haben: Dass es für ihr Standing in der CDU eine Rolle spielt, dass sie in der katholischen Männerpartei eine evangelische Ostfrau ist. Die Medien vergessen das hin und wieder. Und hin und wieder entdecken sie es neu.

Nicht immer wurde Merkel runtergeschrieben. Vor anderthalb Jahren, zur Zeit der Spendenaffäre, war sie für die Medien noch die Hoffungsträgerin der Union.

Das war in einer außergewöhnlichen Situation: Das Land und die Partei waren zutiefst erschrocken, was da zutage getreten war. Die CDU hatte plötzlich ihre Führungsschicht verloren. Und dann war da auf einmal eine, die ganz anders war. Dieses Anderssein war plötzlich eine Qualität an sich, weil der Rest des Personals diskreditiert war. Und da wird ihr auch geholfen haben, dass sie eine Frau ist.

Sind die Medien wirklich so mächtig, dass sie Politiker hoch- und runterschreiben können?

Schon. Sie können Stimmungen verstärken, schon alleine durch ihre Bildauswahl. Es gab ja schon immer zwei Sorten Bilder von Angela Merkel: die doofen mit den hängenden Backen und die verschmitzteren. Ich behaupte, dass ich an der Bildauswahl erkennen kann, welchen Popularitätswert Merkel gerade hat. Also: Der Redakteur lässt sich Fotos aus dem Archiv kommen, Hängegesichtsfotos und nette - und nimmt das Hängegesichtsfoto, weil gerade Hängepartie angesagt ist. Bei Männern funktioniert das natürlich genauso.

Und was ist, wenn Stoiber bei "Beckmann" sagt: Seine Töchter fänden, Merkel könne mehr aus sich machen. Dann transportiert das Fernsehen Stoibers Stichelei doch nur.

Wenn man, was man bei Stoiber - glaube ich - darf, mal unterstellt, dass das kalkuliert war, war das wahnsinnig schlau. Denn er sagt etwas, was Merkel auf dieses Frausein reduziert, aber er sagt es nicht selbst, sondern lässt es seine Töchter sagen: gewissermaßen von Frau zu Frau.

Beim Parteitag haben Kameras Merkel am Rednerpunkt von Kopf bis Fuß abgefilmt. Bei Männern macht man das nicht.

Und die Kommentatoren haben dazu angemerkt, dass sie Schwarz trägt, und Schwarz keine gute Farbe fürs Fernsehen ist. Aber das waren nicht mehr als Randbemerkungen.

Die "Frankfurter Rundschau" hat vor kurzem geschrieben: Was kann Merkel von Verona Feldbusch lernen? Ist das nicht auch eine versteckte Herabsetzung? Man würde ja auch nicht schreiben, dass Stoiber was von Zlatko lernen kann.

Man kann ja das Boshafte mal ignorieren und fragen: Was können Politiker überhaupt von Leuten lernen, die es draufhaben, sich als Popstars zu geben? Die Frage ist legitim: In einer Mediendemokratie müssen Politiker nämlich auch immer über ihre öffentliche Rolle nachdenken.

Merkel macht das offenbar. Sie hat sich sogar vor ein paar Wochen mit der "Bunte"-Chefin Patricia Riekel getroffen, und kurz darauf erschien ein freundlicher Artikel über sie.

Wenn es denn einen Crash-Kurs dafür gäbe, wie der Umgang mit Medien funktioniert, dann hat Merkel den mit Bravour bestanden. Auch beim Parteitag hat sie wieder geschickt mit den Rollenklischees gespielt: Sie hat sich selbst keinen Blumenstrauß überreichen lassen, dafür hat sie Laurenz Meyer einen in die Hand gedrückt.

Wie weit kann es Merkel in der deutschen Mediengesellschaft noch bringen?

Ganz offensichtlich könnte sie es schaffen, Kanzlerkandidatin zu werden. Ob sie es bis zur Kanzlerin schafft, weiß ich nicht. Das hängt aber dann ganz sicher von ganz anderem viel mehr ab als davon, dass sie eine Frau ist.

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