Medien : Hallo, RTL, hörst du mich?

Beim ersten Jahresrückblick mit Günther Jauch musste die Welt draußen bleiben

Barbara Sichtermann

Was so alles passiert ist im auslaufenden Jahr: Da hat doch eine Frau namens Sandra Engler des Nachts züngelnde Flammen in ihrer Wohnung entdeckt, hat die Feuerwehr alarmiert und die Nachbarn geweckt und auf die Straße gescheucht. Die wackeren Männer mit den Helmen und Schläuchen sind auch sofort angerückt und haben in der Englerschen Wohnung die Lohe gelöscht – mit der Fernbedienung. Frau Engler hatte das gemütliche Kaminfeuer, das nach Programmschluss als eine Art Testbild vor sich hinknistert, für einen echten Brand gehalten. Und war in Panik geraten.

Dass der RTL-Rückblick solche Schnurren präsentiert – Moderator Günther Jauch begrüßte im Ernst die glücklich „gerettete“ Sandra E. samt Tochter auf der Bühne – kommt nicht von ungefähr. Hier hatte mal jemand dem Fernsehen den Gefallen getan, sein Programm für Realität zu nehmen, und das gefällt den Machern sehr. Denn sie tun es selbst ja auch.

Die drei Stunden Rückblick, die bei RTL dem Jahr 2003 galten, waren ein Rückblick auf das Fernsehen des Jahres 2003, vorzugsweise natürlich auf RTL. Man hätte die Show gleich als Betriebsweihnachtsfeier mit eingeblendeten Erinnerungsschnipseln annoncieren sollen.

Klar, die Sachen, die ins Fernsehen kommen, sind ja, sofern sie nicht dem Reich der Fiktion entstammen, wirklich passiert. Der Irakkrieg brach aus und kam ins Fernsehen. Der Sommer war heiß und kam ins Fernsehen. „Good bye Lenin“ wurde ein Riesenerfolg, und das Fernsehen berichtete darüber. So weit so gut. Man kann, ja, muss diese Großereignisse im Jahresrückblick bedenken.

Nichts als Medienexistenzen

Aber es gibt ja noch Vorkommnisse, die originäre Ausgeburten des Fernsehens selbst sind und außerhalb des Mediums gar keinen Ort hätten. Dass Rudi Völler während eines Interviews die Fassung verliert und anfängt rumzupoltern, ist passiert. Aber es passierte vor der Kamera und war insofern Theater. Auch dass Günther Jauch während einer seiner „Millionärs“-Sendungen von einer endlos grübelnden Ratekandidatin zur Verzweiflung getrieben wird, ist ein Fernsehereignis, das nur in diesem Kölner Sender als ein solches gilt. Der Rest der Welt geht darüber hinweg. Er denkt nimmermehr an die träge Blondine, wenn er sich einen Begriff vom Jahr 2003 macht. Auch die „No Angels“ sind Medienprodukte, über deren „Trennung“ man nur froh sein kann, weil man hoffen darf, diese quiekenden Mutantinnen nicht noch mal als „Menschen des Jahres“ vorgestellt zu kriegen. Und so ging’s weiter. Sport, Pop, ein bisschen Politik – immerhin hatte sich Jürgen Möllemann umgebracht, aber dessen Leben war längst gleichfalls zur Medienexistenz geronnen. Was man auch von dem unvermeidlichen „Schumi“ sagen muss, dessen Karriere ohne das Fernsehen nicht zu denken ist.

Die Welt sollte mal ein Megafon nehmen und laut hindurchbrüllen: „Hallo, RTL, hörst du mich? Es gibt mich. Ich bin hier draußen. 2003 gab es den Krieg im Irak auch an Stellen, wo Antonia Rados nicht war. Es gab einen Konflikt zwischen den USA und Europa, es gab den Kirchentag und die EU-Erweiterung und das Kopftuchurteil undundund. Hier draußen passieren Sachen … Guck doch mal nach.“ Da Wunder geschehen, könnte RTL aufwachen und durch die Welt „gerettet“ werden wie Sandra Engler durch die Feuerwehr.

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