Hamburger Schule : Streitbarer Mitgestalter der Republik

Zum Tod von Dieter Meichsner. Ein Nachruf von Hermann Rudolph.

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Foto: dpadpa

Fernsehspiel als Unternehmen, Wirklichkeit festzuhalten, die Zeit zu begreifen: In den sechziger und siebziger Jahren zog Dieter Meichsner in dieser Absicht seine Furchen durch die bundesrepublikanische Nachkriegswelt – skeptisch, genau, ein hochproduktives Temperament mit einer gehörigen Portion Widerspruchsgeist. Das Ergebnis waren Produktionen, mit denen das noch neue Medium an den Nerv des aktuellen Bewusstseins rührte: „Preis der Freiheit“, 1966, einfühlsame Geschichte der Flucht eines Grenzsoldaten, „Novemberverbrecher“ , 1968, glänzende Auseinandersetzung mit der Novemberrevolution, „Alma mater“, 1969, bittere Replik auf die Studentenrevolte. Als NDR-Fernsehspielchef prägte er die sogenannte „Hamburger Schule“ – Handformel: „so viel Realismus wie möglich, so viel Kintopp wie nötig“. Doch der Impetus dafür kam aus der erlebten Geschichte. Der große, ruhige Mann mit der hastigen Sprache, Berliner vom Jahrgang 1928, letztes Aufgebot des Dritten Reiches – sein erstes Buch „Versucht’s noch mal mit uns“ stand 1948 als „Tatsachenbericht“ in der ersten Nummer des „Stern“. Neben dem Studium entstanden Romane, von denen „Die Studenten von Berlin“, die Geschichte der Gründung der FU, eingebettet in das Berliner Nachkriegsschicksal, noch immer ein eindrucksvolles, lesenswertes Zeugnis dieser Zeit ist. Als „Selbstbefreiung“ verstand Meichsner diese jugendliche literarische Eruption, die sich vor allem in Hörspielen fortsetzte, immer nahe an den Widersprüchen der neuen Nachkriegswelt. Später folgten Literaturverfilmungen – früher Höhepunkt Fontanes „Stechlin“ 1975. Blickt man auf dieses Leben, so sieht eine ganze Generation zurück – gebrannte Kinder, mit ihren Lektionen ringende Zeitgenossen, streitbare, verlässliche Mitgestalter dieser Republik. Anfang der Woche ist Dieter Meichsner kurz vor seinem zweiundachtzigsten Geburtstag gestorben. Rdh.

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