Handball-WM : Die glorreichen Sieben

RTL will mit dem deutschen Handballteam an das Wintermärchen 2007 anknüpfen. Laut Branchengerüchten sollen sechs Millionen Euro für die maximal zehn Spiele mit deutscher Beteiligung, inklusive Finale, bezahlt worden sein.

Markus Ehrenberg
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Lieber nicht in die Kabine. Über 20 Millionen Zuschauer verfolgten vor zwei Jahren am Bildschirm, wie Deutschland in Köln...

Schwer zu sagen, was RTL-Chefin Anke Schäferkordt ins Auge fiel, als sie am Sonntag, den 4. Februar 2007, aus ihrem Büro in Köln-Junkersdorf schaute. Die Altstadt ist noch weit entfernt. Vielleicht ist sie am Nachmittag dorthin spazieren gegangen und hat sich zu den 30 000 Menschen gesellt, die den neuen Handball-Weltmeister Deutschland feierten. Am nächsten Morgen dürfte sich die RTL-Geschäftsführerin bei der Quotenschau nochmals die Augen gerieben haben. Über 20 Millionen Zuschauer haben bei der ARD verfolgt, wie die Mannschaft von Heiner Brand dem Handballsport mit dem Finalsieg gegen Polen zu noch nie da gewesener Popularität verhalf. Der öffentlich-rechtliche Sender erzielte einen Marktanteil von 58,3 Prozent. Das sind fast Fußball-WM-Werte. „Da will ich dabei sein!“ – dieses Kölner Motto gilt offenbar auch für den Kölner Privatsender. Für viel Geld hat sich RTL die Rechte für die am Freitag in Kroatien beginnende Handball–WM 2009 gesichert und geht damit auch ein bemerkenswertes Wagnis ein.

Der Verlauf einer Handball-WM ist angesichts der Dichte in der Weltspitze, der Schnelligkeit des Spiels und manch’ umstrittener Schiedsrichterentscheidungen deutlich unabwägbarer als eine Fußball-, Formel-1 oder Box-WM, alles Sportarten, die von RTL mehr recht als schlecht vermarktet werden. Außerdem reist der Titelverteidiger mit geringen Medaillenaussichten nach Kroatien, gerade nach der jüngsten Verletzung von Spielmacher Michael Kraus. Dennoch soll es für RTL bei seiner Handball-Premiere „Der ganz große Wurf“ werden. „Wir sind zuversichtlich, dass wir bei einem sportlichen Erfolg eine Euphorie entfachen können“, sagt RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer.

Wie viel diese Erwartung dem Privatsender wert ist, will RTL offiziell nicht verraten. Laut Branchengerüchten sollen sechs Millionen Euro für die maximal zehn (minimal sechs) Spiele mit deutscher Beteiligung, inklusive Finale, bezahlt worden sein. Zum Vergleich: 2007 sollen ARD/ZDF rund eine Million Euro für die TV-Rechte hingelegt haben. Da muss für die werbefinanzierte RTL-Gruppe einiges an Geld wieder hereinkommen, zum einen über tägliche Zusammenfassungen vormittags beim Schwestersender n-tv (darüber hinaus überträgt das DSF bis zu 19 WM-Spiele ohne deutsche Beteiligung live), zum Anderen wohl auch über Split screen-Werbung während der im Handball üblichen einminütigen Auszeiten.

Mit aller Macht will RTL das Wintermärchenfieber von 2007 neu entfachen. In Werbefilmen marschieren die deutschen Nationalspieler ins Bild wie „Die glorreichen Sieben“, untermalt vom Sound des Projekts X-Ray Dog mit dem Song „Dogs of War“. „Wir werden auf alle Fälle mit großer Leidenschaft die Dinge tun, von denen wir glauben, dass wir sie tun müssen, um erfolgreich zu sein“, schwört Sportchef Manfred Loppe ein. Neu ist die einheitliche Anwurfzeit aller deutschen Spiele von der Vorrunde über die Hauptrunde bis zu den Platzierungsspielen um 17 Uhr 30, was es vielen Arbeitnehmern in der Woche allerdings etwas schwerer machen dürfte, immer live dabei zu sein. „Die Handball-WM ist das Größte, was man spielen kann“, sagt Loppe. „Da braucht man Einheitlichkeit und keine Fernsehzeitschrift mehr.“

Mit bis zu 26 Kameras, darunter eine sogenannte Spidercam, die an Seilen übers Spielfeld schwebt, sowie eine ferngesteuerte Kamera, die Szenen aus der Sicht des Torwarts zeigt, will RTL den Handball aus allen Winkeln beleuchten. Der langjährige Auswahl-Kapitän Markus Baur soll an der Seite von Moderator Marco Schreyl als eine Art Jürgen Klopp des Handballs mittels Touchscreen-Monitor erklären, warum Deutschland gewonnen oder verloren hat. „Wir wollen Handball verständlicher machen“, verspricht Loppe, „am Spiel wird sich nichts ändern. Wir sind nicht auf dem Platz, aber wollen ganz nah dran sein.“ Ob die Nähe auch bis in die Kabine reicht, ist eher unwahrscheinlich. Bundestrainer Heiner Brand hat sein Veto eingelegt. „Von der Tendenz her ist er nicht so begeistert.“ Da muss man nicht dabei sein.

Handball-WM, Eröffnung, Kroatien-Südkorea, Freitag, DSF, 20 Uhr 15; Deutschland-Russland, Samstag, RTL, ab 16 Uhr 45

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